Wer mit Richard Wagner nichts anfangen kann, sollte mit den „Meistersingern von Nürnberg“ beginnen, einer hellen und freundlichen Musik, an der man seine Freude haben kann.
Warum haben eigentlich so viele Musikfreunde etwas gegen Wagner? Man bedenke: Selbst der späte Nietzsche, von Hass erfüllt und kurz vor dem geistigen Zusammenbruch, bescheinigte Wagner, das Sprachvermögen der Musik „ins Unermessliche“ vermehrt zu haben. Der junge Nietzsche war ein Wagnerianer wie er im Buche steht. Als er die „Meistersinger“-Ouvertüre zum ersten Mal gehört hatte, schrieb er in einem Brief: „Jede Faser, jeder Nerv zuckt an mir, und ich habe lange nicht ein solches andauerndes Gefühl der Entrücktheit gehabt.“ (27. Oktober 1868).
„Die Meistersinger von Nürnberg“ sind Wagners längste Liebesgeschichte und die einzige, die glücklich ausgeht. Am Ende haben sich zwei gefunden, und zwar nicht in der tödliche Umarmung einer düsteren Nacht (wie im vorhergehenden Musikdrama „Tristan und Isolde“), sondern am Tag im schönen Nürnberg, am Ende herrscht allgemeiner Jubel.
Gut möglich, dass man sich schon beim ersten Hören in die Musik verliebt. Aber Entdeckungen machen wird man noch beim 20. Hören. Die Musik ist allerdings nicht nur herrlich und herzlich. Die Idylle der „Meistersinger“ ist nicht ungetrübt. Manchmal brechen Aggressionen auf, und Abgründe werden sichtbar. In der milden Sommernacht gibt es eine wilde Schlägerei. In diesem Moment bricht in die geordnete Welt der „Meistersinger“ das Chaos ein.
Der Bayreuther Zauberer hat seinen Figuren sehr viel Sympathie entgegengebracht, mehr vielleicht als manch realer Person (das verbindet ihn mit seinem „Schüler“ Thomas Mann), aber wer so freigebig die schönsten Motive verschenkt und die vielschichtigsten Figuren erschafft, kann unmöglich nur ein liebloser Egomane sein und wohl auch kein „schnupfender Gnom aus Sachsen mit dem Bombentalent und dem schäbigen Charakter“ (Thomas Mann).
Der größte und angesehenste Meistersinger ist Hans Sachs.
In ihm hat Wagner sich selber porträtiert, und so konnte er an die umschwärmte, ihn beflügelnde Mathilde Wesendonck schreiben: „Gegen Sachs halten Sie Ihr Herz fest, in den werden Sie sich verlieben.“ Nur in Operngestalten aus Fleisch und Blut kann man sich verlieben.
Die Sprache der Oper ist übrigens nicht geschwollen und verquollen, sondern schlank und elegant und voller Wortwitz. Auch ohne die Musik wäre Wagner ein Dichter.
Am Anfang der „Meistersinger“ steht ein Zitat. Angespielt wird auf einen der größten Meister: Ludwig van Beethoven, der für Wagner von zentraler Bedeutung war. Schon als junger Mann studierte Wagner eingehend die bahnbrechenden Werke des Wiener Klassikers. Der Bonner war das große Idol des jungen Wagner, dessen Noten hatte er im Kopf, mit den Klaviersonaten ging er zu Bett, mit den Streichquartetten stand er auf. Das nur rhythmisch abgewandelte Arietta-Thema aus Beethovens letzter Klaviersonate steht am Anfang der ausladenden Oper. Wagner knüpft also an Beethoven an, er beginnt so wie Beethoven endet. Wagners Werke haben gewaltige Dimensionen: Der dritte Akt der „Meistersinger“ ist so lang wie eine ganze Oper. Ein Höhepunkt folgt dem anderen, und die Zeit vergeht wie im Fluge.
Von Beethoven beeinflusst war auch Johannes Brahms. Zwischen ihm und Wagner liegen Welten (es gibt einen Berührungspunkt: Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ ist von beiden inspiriert): Wagner und Brahms gelten als unversöhnliche Antipoden. Die Wagnerianer verstehen die Brahminen nicht, und die Brahminen verstehen die Wagnerianer nicht. Insofern fällt man aus allen Wolken, wenn man bei Brahms dieses Bekenntnis liest: „Ich habe es einmal zu Wagner selbst gesagt, dass ich heute der beste Wagnerianer bin. Halten Sie mich für so beschränkt, dass ich von der Heiterkeit und Größe der ´Meistersinger´ nicht auch entzückt werden könnte? Oder für so unehrlich, meine Ansicht zu verschweigen, dass ich ein paar Takte dieses Werkes für wertvoller halte als alle Opern, die nachher komponiert wurden?“
Wer einmal mit den „Meistersingern“ begonnen hat, kommt mit ihnen an kein Ende. Für jeden Dirigenten ist diese polyphon schillernde Partitur eine Herausforderung. Herbert von Karajan und Raffael Kubelik gelingen besonders faszinierende Deutungen. Am besten, man bildet sich selbst ein Urteil:

