„Wie ich Klavierspielen lernte“ – Ortheils Weg zur Musik

Am Anfang war die Sprachlosigkeit. Der kleine Johannes kann nicht sprechen, da ist das Klavier eine Möglichkeit, sich zu artikulieren, sich auszudrücken. Das Buch „Wie ich Klavierspielen lernte“ von Hanns- Josef Ortheil beginnt mit der Ankunft eines Seilerklaviers in einer Kölner Mietwohnung. Die Mutter, nach dem Tod mehrerer Kinder verstummt, fängt an, sich an ihre Klavierzeit zu erinnern. Sie hat immer gerne gespielt, aber nur drei Komponisten: Chopin ,Schumann, Liszt. Jetzt setzt sie sich wieder ans Instrument. Mit ihrer Leidenschaft steckt sie den kleinen Johannes an.

Die Geschichte vom stummen Kind hat Ortheil schon oft erzählt, besonders ausführlich in seinem Hauptwerk „Die Erfindung des Lebens“ (2009). Auch in vielen anderen Büchern macht er sich selbst zum Thema (z. B 1994 in „Das Element des Elephanten“) . Erzählt er jetzt schon wieder von sich?, fragt sich wohl mancher Leser. Aber dieses Klavierbuch liest sich spannend wie ein Roman, ist komponiert wie ein Musikstück und geht über Selbstbespiegelung weit hinaus.

Längst weiß man, wie sehr Ortheil die Musik liebt: Er hat über Mozart geschrieben (1987: „Mozart- Im Inneren seiner Sprachen“) und über „Das Glück der Musik“ (2006), aber erst jetzt enthüllt er die Anfänge und Ursprünge dieser Passion.

Behutsam und bedächtig erzählt Ortheil von der Macht der Musik und was sie bedeutet. Seine Musikbeschreibungen sind eigenwillig, manchmal etwas unbeholfen, aber das ist wohl die Sicht des Kindes. Über die Klaviertasten schreibt er: „Sie sehen aus wie kleine Katzen, die im nächsten Augenblick ins Wohnzimmer springen und sich dann in der ganzen Wohnung verteilen.“ Das verrät schon sehr viel Phantasie.

Seine Mutter ist die erste Lehrerin, die zweite rät ihm, sich große Pianisten anzuhören.

In Salzburg erleben Vater und Sohn ein Konzert von Glenn Gould. (am 25. August 1959). An der Salzach kommt es zwei Tage vor dem Klavierabend zu einer denkwürdigen Begegnung, der kleine Johannes sieht sich einem Mann in Wintermantel und Schal (es ist Hochsommer), gegenüber, niemand anderes als Glenn Gould. Sie unterhalten sich über Musik, vor allem Robert Schumann. Der Pianist aus Kanada rät dem Jungen aus Köln, Fugen zu spielen. Hat diese Begegnung wirklich statt gefunden? Sie ist fast nicht vorstellbar. Der verschlossene Pianist aus Kanada öffnet sich einem ihm völlig unbekannten Jungen.

Zwei Tage später führt der 27-jährige Pianist die „Goldberg-Variationen“ von Johann Sebastian Bach auf. Der Vater ist außer sich, noch nie hat er solches Klavierspiel gehört. Sie besorgen sich Goulds Aufnahme der „Goldberg-Variationen“ und Noten des „Wohltemperierten Klaviers“.

Diese Noten und Goulds Aufnahme der Goldberg-Variationen nimmt er in die nächste Klavierstunde mit Obwohl die Lehrerin sich sträubt, hören sie in Goulds „Goldbergvariationen“ hinein. Die Lehrerin ist entsetzt: „Das ist kein Bach, das ist Glenn Gould. … Das hören wir uns keine Minute länger an.“

Johannes überlegt: „Was soll ich sagen? Dass mir Glenn Goulds Spiel gefällt? Dass ich es als munter und lebendig empfinde?“ Er spricht das aus, aber die Lehrerin ist unbeirrt: „Es ist pure Raserei. .. Bach würde sich im Grab umdrehen, wenn er das hören könnte.“

Johannes schlägt vor, dass sie sich mit dem „Wohltemperierten Klavier“ befassen könnten.

„Kommt nicht in Frage, das ist nichts für dich. Wir setzen unser Programm fort. Mit den Kinderszenen von Schumann.“ Johannes ist den Tränen nahe.

Ein zweiter Lehrer geht genauso wenig auf ihn ein. Der will nicht akzeptieren, dass Johannes durchs Hören lernt.

Auch seinen nächsten Lehrer spricht er auf Glenn Gould an: „Glenn Gould?! Den nehmen wir uns hier nicht als Vorbild. Glenn Gould ist etwas sehr Eigenes.“ Aber der Lehrer vermutet eine Schreibbegabung bei seinem Klavierschüler.

Johannes weiß, was er will: Solist werden, nicht Kammermusiker. In einem Musikinternat hält er es nicht lange aus „Noch heute bin ich stolz darauf, dass ich damals einfach abgehauen bin.“

Am glücklichsten ist er mit der vierten Lehrerin: Beatrice Schaller, sie ist kompetent, dabei immer freundlich, ja herzlich, aber auf Distanz . Einmal wundert man sich: Johannes hört seine Lehrerin mit dem ersten Klavierkonzert von Tschaikowsky, verliert aber kein einziges Wort darüber. Das Spiel der bewunderten Martha Argerich dagegen beschreibt er sehr genau.

Johannes Mutter fängt nun auch an, bei Frau Schaller Unterricht zu nehmen.

Alles scheint gut zu gehen, und man weiß ja, dass Ortheil keine Scheu vor Happy Ends hat. Nie kommt der junge Ortheil auf den Gedanken, dass er scheitern könnte.

Das Ende aller Träume wird in wenigen Seiten abgehandelt: Johannes erhält ein begehrtes Klavierstipendium, zieht nach Rom und übt so viel, dass er sich eine Sehnenscheidenentzündung zuzieht, das Ende seiner Klavierkarriere. Eine Laufbahn als Schriftsteller hat Johannes noch nicht im Blick. Er wird aber zur Sprache finden. Der Leser weiß hier mehr als die Figur.

Hanns-Josef Ortheil: Wie ich Klavierspielen lernte. Insel, 2019

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