Von Sindelfingen in die Welt: das Henschel Quartett wird 30

Die Autostadt Sindelfingen hat nicht nur den Hollywood-Regisseur Roland Emmerich hervorgebracht, sondern auch die Henschel-Geschwister, die mit ihrem Quartett inzwischen in aller Welt konzertieren.

Das Ensemble verfügt über einen höchst intensiven Ton, der immer kultiviert und kontrolliert ist. Die Interpretationen zeichnen sich durch Hochspannung aus. Vielleicht ist das ihr Erfolgsgeheimnis. Die „Los Angeles Times“ schrieb: „Dies ist ohne Frage eines der besten Ensembles der Welt, ein großartiges Streichquartett!“

2024 ist ein besonderes Jahr für das Ensemble, man feiert das dreißigjährige Bestehen, eine stolze Zahl in der unüberschaubaren Welt der Kammermusik, wo ständig neue Formationen entstehen und alte sich auflösen. „Die meisten Quartette kommen nicht so weit“, stellte ein Bekannter des Quartetts fest.

Die Vier haben viele internationale Preise gewonnen, aber das sei nicht das, worauf es ankomme, erklärt Monika Henschel, die Bratscherin des Ensembles. Das Entscheidende seien die Menschen, mit denen man in Kontakt tritt. Die Vier sind auf allen Kontinenten aufgetreten, 2018 absolvierten sie eine Südamerikatournee, die sie zum ersten Mal bis Ecuador führte. „Es war sehr, sehr spannend“, resümiert Monika Henschel.

Im April 2018 realisierte das Henschel Quartett beim Musikfest in Kassel die deutsche Erstaufführung eines Werks des dänischen Komponisten Jesper Koch, Titel: „Schöne Welt – wo bist du?“ „Das Publikum war begeistert“, fasst Monika Henschel zusammen. Ein Glücksfall: ein Werk, das alle euphorisiert, die ausführenden Musiker und das zuhörende Publikum. Schon die Uraufführung in Dänemark, fürs Radio, war ein großer Erfolg. Dieses „hervorragende Werk“, so Monika Henschel, erweitert das große Repertoire des Quartetts, das deutlich über 200 Werke umfasst! Darunter ist auch sehr viel Neue Musik. Das wichtigste Ereignis im Jubiläumsjahr 2024: die Uraufführung des Streichquartetts von Freda Swain (1902-1985) . Monika Henschel: „Sie ist eine herausragende Komponistin, die um die 450 Werke hinterlassen hat.“ Sie hat wenig Resonanz erfahren. Schon zu Lebzeiten blieben viele ihrer Kompositionen in der Schublade. Die Uraufführung des Streichquartetts „Norfolk“ fand im Juni beim Aldeburgh Festival in England statt. Im August hat das Henschel Quartett das Werk in Norfolk für Biddulph Recordings eingespielt, zusammen mit Swains Klavierquartett. Die Henschels bestritten auch die deutsche Erstaufführung des Streichquartetts. „Das deutsche Publikum hat sogar noch begeisterter reagiert als das englische bei der Uraufführung in Aldeburgh“, fasst Monika Henschel zusammen.

Die Henschels sind eine Musikerfamilie. Passenderweise lebten sie in der Sindelfinger Haydn-Straße. Die Mutter war Pianistin, der Vater Solobratscher im Südfunk-Sinfonieorchester, dem späteren Radio-Sinfonieorchester Stuttgart (ab 1975). So kam Monika Henschel zu ihrem Instrument. Sergiu Celibidache war von 1971-1977 Chefdirigent des Radio-Sinfonieorchesters. Er lebte zwei Jahre lang im Haus der Henschels in Sindelfingen: „Wir haben ihn als sehr kinderlieben Onkel Sergiu kennen gelernt“, erinnert sich Monika Henschel. Nach den Jahren in Stuttgart wurde der strenge Rumäne Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Er rief den Henschels zu: „Ihr müsst kommen!“ Was sie von dem legendären Dirigenten gelernt haben? Das Realisieren eines großen Spannungsbogens über ein Werk hinweg.

Monika Henschel war 16, als sie mit ihren Brüdern ihr Studium am Royal College of Music aufnahm. Wieso vom Sindelfinger Stiftsgymnasium nach London? Als ihr Lehrer Felix Andrievsky, ein bedeutender Geiger der Moskauer Violinschule, eine Professur in London erhielt, war es selbstverständlich, ihm dorthin zu folgen. Ihre „Liebe zum Streichquartett“ wurde von Franz Beyer (1922-2018) geweckt. Beyer war Professor für Viola und Kammermusik, außerdem Bratschist im Stuttgarter Kammerorchester. Beyer hat sich einen Namen gemacht, als er das unvollendete „Requiem“, Mozarts letztes Werk, fertig stellte. Er ist der Großvater des Cellisten Mathias Beyer-Karlshøj, der von Anfang an dem Henschel Quartett angehört. Wichtige Impulse kamen auch vom Amadeus Quartett, mit dem die Henschels Japan bereisten.

„Es sind die zufälligen Begegnungen, die einem das Leben schenkt. Preise sind schön und gut, aber was zählt, sind Menschen, die den Weg weisen“, betont Monika Henschel. Eine solche Schlüsselfigur ist in Japan der Geiger Prof. Kazuki Sawa, der mit seiner Frau, einer Pianistin, den ARD-Wettbewerb gewann. Er setzte sich sehr für die Henschels ein: „Er hat uns das Tor nach Japan geöffnet“, resümiert Monika Henschel. Sie fragt sich, ob sie ohne Japan solch eine Weltkarriere gemacht hätten. „Tokio klingt weit weg, ist aber eine der wichtigsten Stationen.“ Im Juni 2012 führten die Vier ihren kompletten Beethoven-Zyklus in Japans renommiertesten Konzerthaus, der Suntory Hall, auf. Auch im Jubiläumsjahr 2024 absolvierte das Henschel Quartett eine Japan-Tournee: vom 18.9.- 7.10. 2024. Neben den Konzerten unterrichteten die Vier an der Geidai Universität in Tokio. Ihre Lehrtätigkeit führt das Quartett bis ins australische Melbourne, an die dortige Universität.

2010 ein Highlight: Die Vier musizierten zum Namenstag von Papst Benedikt XVI im Vatikan. Seine erste Frage: „Wie geht’s dem Franzl?“ Monika Henschel wusste sofort, wer gemeint war: Franz Beyer. Dem Heiligen Vater musste man nichts über Musiker und Musik erzählen, denn er war ein Musikkenner. „Er war unglaublich gebildet“, erinnert sich Monika Henschel.

Das Henschel Quartett hat sehr viel erreicht und schaut mit Dankbarkeit auf 30 Jahre zurück. „Wir verstehen uns alle sehr gut“, betont Monika Henschel. Herausforderungen, das Erarbeiten schwieriger Werke, schweiße zusammen, so die Bratschistin. Aber das lerne man erst mit den Jahren. Das Ensemble ist in den letzten dreißig Jahren gereift. Die Verpflichtungen haben deutlich zugenommen, aber man müsse sich nichts mehr beweisen, sondern könne sich ganz auf die Musik konzentrieren.

Das Quartett engagiert sich nach wie vor für SOS-Kinderdorf e. V. und überweist einen Teil seiner Honorare an diese Institution. „Wann kommt ihr wieder?“, fragte ein Kind nach einem Gesprächskonzert.

Ab und zu kehrt die Bratscherin in die Region zurück. In der Landeshauptstadt tritt man ganz regelmäßig auf. In der Sindelfinger Stadthalle war man zuletzt 2006 zu Gast.

„Es ist immer noch mein Sindelfingen. Heimat bleibt Heimat“, sagte Monika Henschel vor 20 Jahren der Kreiszeitung Böblinger Bote. Sie erinnert sich an die Haydn-Straße, in der sie aufgewachsen ist. Täglich führte sie im angrenzenden Wald ihren Hund aus. „Der Weg am Waldrand war damals noch sehr gepflegt“, bemerkt sie.

Auf der Homepage des Quartetts finden sich alle CDs, von denen viele mit Preisen bedacht wurden. Zu den gelungensten Einspielungen gehört die Gesamtaufnahme der Mendelssohn-Streichquartette. Auch hier fällt das feurig filigrane Spiel auf. Unter der schönen Oberfläche brodelt es.

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