Obwohl Gustav Mahler Bedeutendes für Trompete geschrieben hat, zählt er nicht zu den Favoriten des Solotrompeters Uwe Zaiser. Der große Sinfoniker sei überbewertet, findet der in Holzgerlingen aufgewachsene Musiker. „Er hat wunderschöne Momente, aber auch Längen, die sich mir nicht erschließen.“ Zaiser macht es Spaß, die Dinge auf den Punkt zu bringen und damit vielleicht auch ein wenig zu provozieren. Am Anfang der Saison 2018/2019 der Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken Kaiserslautern stand Mahlers Fünfte, ein 75-Minuten-Koloss. Hier sind die Trompeter extrem gefordert.
Viele Musikfreunde in der Region kennen Uwe Zaiser, er war Mitglied im berühmten „Rennquintett“. Leider muss man „war“ schreiben, nicht „ist“. Wegen der Erkrankung eines Mitglieds wurde das Ensemble aufgelöst, nach 31 Jahren und über 800 Konzerten, einer einzigartigen Erfolgsgeschichte. Das definitiv letzte Konzert fand am 18. April 2018 statt.
Bei den Zaisers in Holzgerlingen war es selbstverständlich, dass die Kinder ein Instrument lernten. Uwe Zaiser versuchte es mit dem Klavier, bei einer sehr strengen Lehrerin, die ihn sogar am Ohr zupfte, wenn er nicht nach Wunsch spielte. Schnell zeichnete sich ab, dass das keine Zukunft hatte. „Ich wollte viel lieber Trompete lernen, das Instrument hat mir gefallen.“ Er trat dem Musikverein Holzgerlingen bei und bekam „einen wunderbaren Trompetenlehrer“: Gerhard Frasch. „Er hat mir die Grundlagen beigebracht.“ Viel gelernt hat er auch bei Hermann Sauter von der Böblinger Musikschule. Der unterrichtete etwas später den vielfach ausgezeichneten Trompeter Wolfgang Bauer. Ein Bundespreis bei „Jugend musiziert“ erwies sich für Uwe Zaiser als „inspirierend“. Sauter nahm ihn mit zu Konzerten, so lernte Zaiser viele Kirchen in Baden-Württemberg kennen. Und er verdiente sich ein Taschengeld.
Gute Erinnerungen hat er ans Goldberg-Gymnasium Sindelfingen, wo er vor fünfzig Jahren das Abitur ablegte. Rolf Mammel war eine wichtige Figur. Ihm gelang es, junge Menschen für die klassische Musik zu begeistern. „Musikerziehung an den Schulen ist heute eine andere“, so Zaiser. „Ich habe mich am GGS sehr gut aufgehoben gefühlt.“ Zaiser hatte im Abschlusszeugnis eine Eins in Mathe und eine Eins in Musik. Zunächst entschied er sich für ein Lehramtsstudium. Nach vier Semestern setzte er alles auf eine Karte. „Mit der Schule war es nix. Ich wollte Trompeter werden.“ Zu den Klassikorchestern kam er über einen Umweg: Er ging erst einmal seiner Liebe zur Rockmusik nach. So musizierte er in der Band „Blutgruppe“, in der vor allem Eigenkompositionen gespielt wurden. „In Tübingen kannte uns jeder“, erinnert sich Zaiser. Sie tourten durch die Republik und kamen bis Dortmund.
Auf gut Glück wagte sich Zaiser dann zum Vorspiel bei den Hamburger Symphonikern. Der junge Mann aus dem Süden reüssierte bei den Nordlichtern. „Natürlich fällt man am Anfang auch mal auf die Schnauze“, formuliert Zaiser. „Die Kollegen haben mir aber sehr geholfen.“ Von 1980-83 war er Solotrompeter bei den Hamburger Symphonikern und wechselte in dieser Position 1983 zum SWR Rundfunkorchester Kaiserslautern. 2007 wurde es mit dem RSO Saarbrücken zur Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken Kaiserslautern fusioniert.
In den letzten Jahren bereiste das Orchester die Schweiz, China, Paris, Japan und Südkorea. In Südkorea sei das Publikum, ganz anders als bei uns, auffallend jung. Die Mittzwanziger sind sehr aufmerksame Zuhörer, fiel den Gästen aus Deutschland auf. Von Land und Leuten bekommt man auf solchen Tourneen wenig mit: An fünf Tagen wird an fünf verschiedenen Orten musiziert. Da bleibt keine Zeit für Sightseeing.
Am Anfang der neuen Saison stand wie erwähnt Mahlers „Fünfte“ an. Erfrischende Ansichten vertritt Uwe Zaiser: Er findet Mahler „überbewer-tet“. „Seine Musik kann nerven.“ Sinfonien von Mozart oder Brahms sind ihm viel lieber. Denn diese Komponisten kämen „schneller zur Sache“.
Der Probenalltag beginnt um 9:30 Uhr und dauert bis 13:30. Zuhause, in seiner „Übehöhle“ musiziert er nachmittags weiter. „Man muss immer fit bleiben.“ In der Aufführung darf es keine Fehler geben. Jedes Konzert wird mitgeschnitten und im Radio ausgestrahlt. Beste Erinnerungen hat er an den jungen Pianisten Florian Uhlig: „Ein guter Mann!“, befindet Zaiser. Mit Uhlig hat man Werke für Klavier und Orchester aufgenommen, etwa von Dimitri Schostakowitsch und Robert Schumann. Florian Uhlig hat es geschafft. Viele schaffen es nicht. Der Musikmarkt wird immer gnadenloser, stellt Zaiser fest. Es gebe viel zu viele Musiker. „Ich bin froh, dass meine Töchter nicht Musik studiert haben.“ An einer Grundschule in Eisenberg leitet er eine Bläserklasse für Neun- und Zehnjährige. „Es ist mühsam, aber gut für die Sozialisation.“ In seiner Freizeit hört Uwe Zaiser ganz wenig Klassik, da sie ja sein täglich Brot ist. Lieber ist ihm soulige, jazzige Musik. „Heimat“ sei ein wichtiges Thema. Das Elternhaus in der Mörikestraße fällt ihm dazu ein, mit dem schönen Blick über das Tal. „Viel Spaß beim Konzert am Freitag, trotz Mahler!“
„Natürlich habe ich Spaß!“, sagt Zaiser mit einem Schmunzeln.
Das war im Jahr 2018.
Seit 2022 ist der Trompeter im Ruhestand. „Die Trompete hat mich mein Leben lang begleitet, und wenn ich nochmals die Wahl hätte, würde diese auf genau dieses Instrument fallen. Nun habe ich die Seiten gewechselt und arbeite ehrenamtlich für den Kulturverein Grünstadt. Hierbei versuche ich, meine Expertise für abwechslungsreiche und spannende Konzertprogramme zu nutzen.“ 42 Jahre lang war Zaiser Solotrompeter. Jetzt genießt er den Ruhestand. „Privat passt auch alles, denn im August werde ich zum zweiten Mal Großvater. Ich mache viel Sport und gehe sehr gerne wandern, am liebsten auf Jakobswegen.“ Im nächsten Jahr wird Uwe Zaiser 70!
