Vielfalt eines Klaviergenies – der junge Friedrich Gulda

Glenn Gould verabscheute Mozart, Friedrich Gulda vergötterte ihn. Für Gulda war Mozart „der Meister aller Meister“. Und so ist die erste CD dieser neuen Box „The Young Friedrich Gulda“ dem Wiener Klassiker gewidmet. Das 25. Klavierkonzert in C-Dur steht am Anfang, der junge Pianist trumpft nicht auf, er drängt sich nicht in den Vordergrund, er ist Bestandteil des Orchesters, sehr nuanciert setzt er Mozarts Notentext um. Man merkt: Hier ist er zu Hause. Er verfügt über einen schönen, schimmernden Ton. Mit dem Namen Gulda verbindet man musikalische Sachlichkeit. Gulda spielt diesen Mozart mit solcher stilvollen Leidenschaft, dass man von Sachlichkeit nicht reden möchte.

Schon der blutjunge Gulda kann phantastisch Klavier spielen. Mit 16 gewann er den Genfer Klavierwettbewerb, mit 17, stellte er fest, sei er ein fertiger Pianist gewesen, mit 20 war er bereits eine Weltberühmtheit und galt als einer der führenden Beethoven-Interpreten. Freunde behaupteten, dass er mit 20 besser spielte als später. Diese Feststellung kann man nun überprüfen. Und zumindest eines ist sicher: Schon der junge Gulda ist ein Klavierwunder. Die Ravel- und Debussy -Deutungen bewegen sich auf hohem Niveau. Vor einigen Jahren erschienen diese Interpretationen in der Reihe „Große Pianisten des 20. Jahrhunderts“. Aber das Gulda-Album dieser Edition ist nicht mehr greifbar. Schon allein deshalb ist diese neue Box mit alten Gulda-Einspielungen zu begrüßen.

Mit zwanzig Jahren debütierte Gulda in der Carnegie Hall. 1968 spielte er dann alle 32 Beethoven-Klaviersonaten ein und setzte damit einen Standard. Auffallend ist das Bemühen um Werktreue, um Nähe zum Notentext. So erspielte er sich Weltruhm: die frühen Beethoven-Deutungen sind hochrangige Wiedergaben, gestochen scharf. Friedrich Gulda war auch ein Entfesselungskünstler, etwa in der „Pathétique“.

In den Straussliedern mit der lyrischen Hilde Güden ist er ein sehr selbstbewusster Begleiter.

Das stilistische Spektrum des jungen Pianisten ist weit: Mozart, Beethoven, Strauss, Chopin, Debussy, Von Weber und Ravel. Auf sechs CDs sind alle diese Komponisten versammelt. Sie dokumentieren die Vielfalt eines Klaviergenies.

Chopin, erstes Klavierkonzert klingt unter Guldas Händen geschmeidig und filigran.

Es folgen die vier Balladen, die dann eher enttäuschen: Gulda spielt die erste Ballade zügig und nüchtern, pianistisch unanfechtbar, man wünschte sich mehr Klangschattierungen, etwas mehr Poesie.

Die letzten beiden CDs sind Maurice Ravel und Claude Debussy gewidmet. Bei diesen Impressionisten muss der Pianist Farbe bekennen. In den beiden Bänden von Debussys „Préludes“ erlebt man: präzise Rhythmen, klare Konturen, reiche Anschlagskultur, eine Fülle an Farben. Auch hier fällt die sachliche Herangehensweise auf.

Guldas Qualitäten kommen auch bei Ravel zum Tragen. Bemerkenswert ist die absolute Kontrolle des Anschlags. Ravels „Valses nobles et sentimentals“ spielt er sehr kraftvoll und prägnant. „Gaspard de la Nuit“ erklingt farbenprächtig. Die Aufnahmen dieser sechs CDs möchte man nicht mehr missen.

Gulda starb im Alter von 69 Jahren, ausgerechnet an Mozarts Geburtstag, am 27. Januar 2000! Nach seinem Tod wurde in Wien ein Park nach ihm benannt.

The young Friedrich Gulda: Mozart, Beethoven, Strauss, Chopin, Debussy, Ravel, von Weber, Edition Hänssler Profil, 2022

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