Auf dieser CD mit den Sopranistinnen Felicitas und Judith Erb gibt es etwas zu entdecken: die enge Beziehung zwischen Felix Mendelssohn Bartholdy und seiner Schwester Fanny Hensel. Die Erb-Schwestern, im Kreis Böblingen aufgewachsen, stellen die Duette der Mendelssohn-Geschwister gegenüber, eine aufschlussreiche Idee.
Felix und Fanny Mendelssohn waren unzertrennliche Geschwister. Wunderkinder waren alle beide, mit ihrem Klavierspiel erregten sie früh Aufsehen. Sie traten zusammen auf und inspirierten einander beim Komponieren, Goethe schätzte alle beide. Aber nur Felix durfte eine Musikkarriere machen. Fanny hatte zu heiraten, Kinder in die Welt zu setzen und sich um ihre Familie zu kümmern. Die Musik war ihre Berufung, aber sie durfte sie nicht zum Beruf machen. Dieser Ansicht war auch ihr Bruder Felix. Trotzdem wurde sie zur bedeutendsten Komponistin ihres Jahrhunderts.
Ein sehr enges Verhältnis haben auch die Schwestern Felicitas und Judith Erb, obwohl sie heute weit auseinander leben: Judith in Weil im Schönbuch, Felicitas in der Schweiz. Die Schwestern wuchsen – wie die Mendelssohns – in einer musikliebenden Familie auf und sangen sehr früh. Beide: Judith (Jahrgang 1976) wie Felicitas Erb (1981) begannen ihre Gesangsausbildung bei Gisela Reichherzer und waren Mitglieder in deren Böblinger Kinder- und Jugendchor. Sie studierten dann an den Musikhochschulen Stuttgart (Judith Erb) und Karlsruhe. „Wir haben erst vor einigen Jahren entdeckt, wie perfekt unsere Stimmen zusammenpassen“, sagt Judith Erb. Was sind die Voraussetzungen für das Gelingen eines CD-Projekts? Judith Erb: „Man sollte sich gut verstehen und ähnlich ticken, was die Musik anbelangt. Man verbringt ja sehr viel Zeit miteinander und muss sich auf einer sehr emotionalen Ebene miteinander auseinandersetzen. Da ist es von Vorteil, wenn man sich gut kennt.“ 2009 standen die Schwestern zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne. Vier Jahre später erschien ihre erste gemeinsame CD mit Spohr-Liedern, dafür haben sie von der Fachpresse (etwa „Fono Forum“) sehr gute Kritiken erhalten.
Wie kam es zu dem neuen Projekt? Im Booklet verraten die Sängerinnen: „Als wir uns überlegten, was wir gerne aufnehmen würden, kamen uns eigentlich als Erstes die Duette von Mendelssohn in den Sinn, die wir schon lange in unserem Konzertrepertoire haben. Sie sind wirklich wie gemacht für uns, für zwei Soprane, und wir fühlen uns damit sehr vertraut und zu Hause.“ Viele der Duette haben die beiden schon als Schülerinnen gesungen. Die Duette von Fanny waren für die Schwestern keine Liebe auf den ersten Blick: sie wirkten zunächst „unsingbar“ und abweisend, aber mit der Zeit wurden diese Duette für die Sopranistinnen immer faszinierender.
Fanny hat in ihrem Leben rund 250 Sololieder mit Klavierbegleitung geschaffen, ihr Bruder Felix etwa halb so viel. Die neue CD enthält alle 32 Duette der Geschwister, davon stammen zwölf von Felix Mendelssohn.
Die feinen, leichten, ausdrucksreichen Stimmen der Erb-Schwestern sind wie geschaffen für dieses Programm. Sie fühlen sich in die facettenreichen Sprachen von Felix und Fanny ein und zeigen deren Nähe zueinander, aber auch feine Unterschiede. Das kann man an Heines Gedicht „Wasserfahrt“ studieren, das beide Geschwister vertonen.
Die begabte Fanny fühlte sich als Komponistin manchmal isoliert: In einem Brief von Juli 1836 schreibt sie: „so bin ich mit meiner Musik ziemlich allein.“ Ute Büchter-Römer schreibt in ihrer Monographie über Fannys Musik: „Lebendigkeit, Improvisationsfrische, Melodienreichtum, harmonische Experimente und rhythmische Phantasie sind die Kennzeichen eines Gesamtwerks, das allzu lange der Öffentlichkeit vorenthalten blieb“. Dagegen tun die Erb-Schwestern etwas: Sie zeigen eindrücklich die Bedeutung von Fanny Hensel. Neben den Liedern ihres Bruders braucht sie sich nicht zu verstecken. Felix Mendelssohn schätzte manche der Liedkompositionen seiner Schwester so sehr, dass er sie unter seinem eigenen Namen veröffentlichte! Fanny Hensels „Zeigt mir den Weg“ ist eine wirkliche Perle, schlicht und ergreifend klingt das, und so wird es auch von den Erb-Schwestern gestaltet.
Die Sopranistinnen operieren hoch kultiviert. Öfter jubilieren sie um die Wette. Im „Blumenlied“ von Fanny Hensel ist von „frischer Jugendblüte“ die Rede. Das kann man auf die Sopranistinnen übertragen: Sie klingen frisch und jugendlich.
Die charakteristisch- einfühlsame Pianistin Doriana Tchakarova wählt für die Begleitung einen Pleyel-Hammerflügel von 1849 aus, dessen Farben Chopin sehr schätzte. Judith Erb: „Doriana Tchakarova ist ein echter Glücksfall für uns und ein bisschen wie eine dritte Schwester, wir kennen uns alle schon sehr lange und verstehen uns oft blind. Dadurch sind wir in unseren gestalterischen Möglichkeiten völlig frei.“ Die Texte aller 32 Duette sind im Booklet abgedruckt. Aber man kann sie auch verstehen. Peter Härtling hat Fanny Hensel übrigens einen lesenswerten Roman gewidmet. Er endet traurig: Der frühe Tod der geliebten Schwester (1847) war für Felix Mendelssohn ein schwerer Schlag, von dem er sich nicht mehr erholen sollte, ein halbes Jahr nach der Schwester starb auch er.
Mendelssohn & Hensel: Duette. Felicitas Erb, Judith Erb, Sopran. Doriana Tchakarova, Hammerflügel. Ars Produktion, 2016
