„Rausch und Verstörung“ – Sir Roger Norrington zum 90. Geburtstag

Die Ära Roger Norrington in Stuttgart ist schon eine Weile Geschichte. Als Chefdirigent leitete er das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR von 1998 bis 2011. Die Ära ist aber auch sehr gegenwärtig, denn die großen Sinfonie-Zyklen sind auf Tonträger festgehalten: Haydns „Londoner Sinfonien“, Beethovens neun , alle Sinfonien von Mendelssohn, Schumann und Brahms, einzelne Sinfonien von Mozart und Schubert, Bruckner und Mahler. Er entschlackte die großen Sinfoniker und hat den „Stuttgart-Sound“ kreiert. Ein modernes Sinfonieorchester spielt ohne Vibrato und in kleiner Besetzung und flexibler Aufstellung.

Nun gibt es einen reizvollen Film über Norrington und seine Stuttgarter Truppe. „Zwischen Stuttgart und Berkshire“. Dieser Film betreibt keine Heldenverehrung, sondern zeigt einige Facetten eines vielseitigen Revolutionärs.

Zwischen Stuttgart und Berkshire: In Stuttgart arbeitet er, in Berkshire lebt er. Dort bewirtschaftet er ein riesiges Anwesen, mit einem Herrenhaus im Zentrum.Nach dem erfolgreichen Konzert in London lädt Norrington sein Orchester zu einem Sommerfest auf seinem Anwesen ein. Er ist ein Kauz, mit einer gehörigen Portion Humor, am liebsten dirigierte er barfuß. Mit 87 Jahren verabschiedete er sich vom Konzertpodium.

Wikipedia: „Roger Norrington lernte als Kind Geige und Gesang.“ 1946 gaben die Berliner Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler ein viel beachtetes Konzert in England, der kleine Norrington war dabei. Da war für ihn klar: Ich werde Dirigent.

Zunächst studierte er aber an der Westminster School Geschichte und an der Universität von Cambridge englische Literatur. In dieser Zeit leitete er auch schon Amateurchöre. Musik studierte er am Royal College of Music.

Prof. Hermann Voss, Bratscher des legendären Melos Quartetts, kritisierte, außerhalb von Stuttgart ernte der „Stuttgart Sound“ nur Hohn und Spott.

Aber warum wird das Orchester zu den Proms in London eingeladen, und am Ende des Konzerts gefeiert? Warum gibt es bejubelte Tourneen durch viele Länder? Warum wird Norrington ans Pult der Berliner Philharmoniker und anderer großer Orchester eingeladen?

Es sei „eine herrliche Sache“, sagte der Brite Norrington einmal; „Musik neu zu überdenken“. Er hat das immer wieder getan.

Mit dem RSO Stuttgart hat er noch einmal die Beethoven-Sinfonien eingespielt und damit seine früheren Beethoven-Deutungen laut Wolfgang Schreiber noch übertroffen.

.»Den Rausch und die Verstörung einzufangen, die die Musik Beethovens zu seiner Zeit verursachte«, sei sein eigentliches Ziel gewesen, bekannte Norrington nach seinem ersten Zyklus mit den London Classical Players, einem Ensemble, das auf historischen Instrumenten musiziert. Norrington hat es gegründet. Rausch und Verstörung löste er auch mit dem Stuttgarter Orchester aus. So peitscht er seinen Klangkörper durch Beethovens siebte Sinfonie, das Orchester wird gleichsam als Schlagzeug benutzt, die „Apotheose des Rhythmus“ wird gegenwärtig. Es ist ein schroffer, eruptiver Beethoven. Wolfgang Schreiber: „Norrington behauptet, Beethoven habe zehn spannende Opern geschrieben, von denen neun den Namen Symphonie trugen.“

Das Erfolgsrezept, erfährt man Ende der DVD, ist ganz einfach: Liebe zur Musik. Beim Orchester und beim Dirigenten.

Am 16. März 2024 feierte Norrington seinen 90. Geburtstag.

Norrington /Haydn: Symphonies Nos. 1/96/101. Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR. Documentary: Sir Roger Norrington – A conductor between Stuttgart and Berkshire, DVD, Arte. Hänssler CLASSIC, 2009

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