Nachruf: Sir Roger Norrington (1934–2025)

Salvatore Pichireddu, Leiter der PR-Abteilung von Naxos, erinnert sich: „Der Festakt zum Jubiläum des Labels SWRmusic, der am 17.07.2025 in Stuttgart statt fand, wurde durch eine erheiternde Videobotschaft des Dirigenten Sir Roger Norrington gekrönt. Er gratulierte aus seiner Wohnung sichtlich mit Freude, las einige launige Zeilen und sorgte im Festsaal für großen Applaus. Am Tag danach mussten wir die traurige Nachricht von seinem Tod lesen.“ Norrinton wurde 91 Jahre alt.

Roger Norrington war ein Revolutionär: ein Pionier der historischen Aufführungspraxis und der Vater des „Stuttgart Sounds“, des Spiels auf modernen Instrumenten mit zügigen Tempi und dem Verzicht auf Vibrato. Norrington hatte sich einen Namen gemacht, indem er die bahnbrechenden London Classical Players gründete (das war im Jahr 1978), ein Ensemble, das auf historischen Instrumenten spielte. Das Verstörende von Beethovens Musik wollte Sir Roger wiedergeben. „Bei Beethoven wird die Revolution hörbar“, bemerkte einmal John Eliot Gardiner, auch ein „Herold des Originalklangs“ (so Wolfgang Schreiber). Der Gardinersatz könnte auch von Norrington stammen. Er spielte damals aber auch Haydn, Mozart und Schubert ein.

Es war eine Ära von 13 Jahren: Von 1998 bis 2011 war Norrington Chefdirigent des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart und hat die Präzision dieses Spitzenklangkörpers erhöht. In seiner Stuttgarter Zeit erarbeitete er das sinfonische Repertoire von Haydn über Beethoven und Bruckner bis Mahler und spielte es ein. Damit erregte er weltweites Aufsehen. Besonders gelungen fand ich die Sinfonien Robert Schumanns.

 Norrington war ein Kauz, er liebte es, barfuß zu dirigieren. Als Ragna Schirmer den ersten Satz des Schumann-Konzerts beendet hatte, wandte er sich dem Publikum zu und animierte es zu klatschen.

Norrington wurde am 16. März 1934 in Oxford geboren. 1946 erlebte der 12-Jährige in England ein Konzertgastspiel der Berliner Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler. Da stand für den Jungen fest: Ich werde Dirigent. Er studierte zunächst Geschichte an der Westminster School und englische Literatur in Cambridge. Am Londoner Royal College of Music belegte er die Fächer Geige und Gesang. Früh trat er schon als Chorleiter von guten Amateurensembles in Erscheinung. Er gründete den Schütz Choir of London und die erwähnten London Classical Players.

Es sei „eine herrliche Sache“, so der Brite Norrington, „Musik neu zu überdenken.“ Das „Meistersinger-Vorspiel“ nimmt er sehr zügig und schafft es damit neu. Erfrischend neu klangen auch Bruckner und Mahler. 2021 beendete Norrington seine Karriere, die über 50 Jahre umspannte, mit einem Haydn Programm am Pult der Royal Northern Sinfonia.

Mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart hatte er zuvor die neun Sinfonien Beethovens noch einmal aufgenommen. Wolfgang Schreiber konstatiert in seinem Dirigentenbuch: „Der Vergleich mit seiner ersten Aufnahme der London Classical Players liegt auf der Hand, er fällt zugunsten von Stuttgart aus. Denn Norrington erreicht mit seine Symphonikern heute ein Klangniveau, das dem historischen ähnelt, obwohl die Streicher nicht auf Darmsaiten spielen und auch Bläser keine alten Instrumente benutzen.“

 Übrigens war der Startrompeter Wolfgang Bauer an den Live-Aufnahmen der Beethoven-Sinfonien mit dem RSO Stuttgart und Roger Norrington beteiligt. An das Konzert mit der siebten Sinfonie erinnert sich Bauer noch gut, es war ein ganz besonderes, in dem alles stimmte: „Es sind Konzerte wie dieses, die den Beruf so schön machen.“

 Norrington ist am 18. Juli im englischen Devon im Alter von 91 Jahren verstorben.

 SWRKultur zitiert den Solo-Klarinettisten des SWR Sinfonieorchesters Dirk Altmann, der Norrington gut kannte: „Wir sind von der Bühne gekommen und haben die Nachricht von Roger Norringtons Tod bekommen, was uns alle natürlich tief getroffen hat.“ Norrington hatte eine erfrischende Art zu musizieren, er war liebenswürdig und ideenreich, und er besaß einen britischen Humor.

©SWR/Jacques Lévesque
©SWR/Jacques Lévesque

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