Murray Perahia spielt Brahms

„Er ist so ein unterschätzter Pianist“, klagte die alte Dame, die in der Nähe der langen Schlange stand, in der Schüler und Studenten auf Restkarten warteten. Murray Perahia gab einen Klavierabend im Beethoven-Saal der Stuttgarter Liederhalle, das ist schon länger her. Niemand konnte wissen, dass dieser Abend mit Händel enden würde, Perahias letzte Zugabe stammte aus einer Händel-Suite.

Mit Händel beginnt Perahias neuste CD, genauer: mit den Brahms´schen „Händel-Variationen“, einem seiner Hauptwerke für Klavier solo. Brahms war ein Meister der Variation, die „Haydn-Variationen“ gehören zu seinen bekanntesten Werken. Und er war ein Meister der Improvisation. Aus kleinen Keimzellen entwickelt er große Gebilde, bis hin zu Sinfonien, die Keimzelle hält alles zusammen. Das trifft auch auf die „Händel-Variationen“ zu. Perahia, der seit 20 Jahren keinen Brahms mehr eingespielt hat, weiß mit diesem oft spröden Komponisten umzugehen. Der US-Amerikaner ist Poet und Psychologe. Er spielt nicht einfach Klavier, er durchdringt die Musik und macht sie lebendig. Sein Brahms ist so schlüssig wie nuanciert, die Musik fließt bruchlos dahin. Seit seiner Einspielung der Chopin-Etüden weiß man, dass Perahia ein hoch musikalischer Supervirtuose ist. Auch seine „Goldbergvariationen“, eine ganz andere Welt, sind ein großer Wurf. Besser geht es fast nicht. Sein Brahms klingt geschmeidig. Im Vergleich zu den sehr lyrischen Anfängen ist der Ton Perahias kerniger geworden, aber lyrisch ist er noch immer. Auf die „Händel-Variationen“ folgen die Rhapsodien und späte Klavierstücke. Die Musik des verschlossenen Hamburgers erstrahlt in einzigartiger Schönheit.

In Stuttgart, bei seinem Klavierabend, musizierte Perahia nicht nur poetisch, sondern auch zupackend und bewies, dass er zu den ganz Großen gehört. Am Ende seines Auftritts, nach der Händel-Zugabe, strebte die alte Dame an die Rampe und überreichte dem Pianisten Blumen.

Die Brahms-CD ist derzeit nur antiquarisch erhältlich. Alle Titel der CD sind allerdings in einer Brahms/Schubert-Box enthalten, die bei Sony erschienen ist.

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