2022 ist ein Gould-Jahr: Im September vor 90 Jahren wurde er in Toronto geboren, vor 40 Jahren starb er dort. Es gibt Gould-Fans, die diese Stadt besuchen, weil der große Pianist hier gelebt hat. Schon zu Lebzeiten hat er Kultstatus erlangt.
Die umfassende Gould-Biographie von Michael Stegemann gehört zu den anregenden Musikbüchern, zu denen man immer wieder greift. Gould war wohl einer der genialsten Pianisten, der verrückteste war er bestimmt. Im Hochsommer trug er Schal und Wintermantel, er stopfte sich wechselweise mit Aufputsch- und Beruhigungsmitteln voll. Er war ein polyphoner Mensch und konnte vieles gleichzeitig: Diskutieren und Notenlernen, Üben und Radiohören (am besten zwei Radios gleichzeitig), Autofahren und Dozieren. Einmal verfasste er gar während eines Interviews einen Essay. Früh sagte er dem Konzertsaal Adieu und zog sich ins Aufnahmestudio zurück. Da war er 32 Jahre alt. Im Studio feilte er wie besessen an seinen Aufnahmen. So wurde er zum Mythos, zum berühmtesten Pianisten des 20. Jahrhunderts (neben Vladimir Horowitz, der freilich 36 Jahre länger lebte) Davon erfährt man bei Stegemann einiges. Dessen Buch ist recht anspruchsvoll, gelegentlich aber auch amüsant: „Zur New Yorker Aufführung des G-Dur-Konzerts [von Beethoven] unter Bernstein … war Gould mit einer Flasche Mineralwasser und einer Zeitung auf dem Podium erschienen, um während der längere Orchestertutti gelangweilt auf seinem Stuhl zu wippen, zu trinken und zu lesen.“ Was für ein Flegel! wird mancher Konzertbesucher gedacht haben, wenn er nicht gerade zur Gould-Gemeinde gehörte. Diese Gemeinde ist groß, und sie wächst weiter. Wer das Stegemann-Buch gelesen hat, ist infiziert: vom Bazillus Gould.
Seine Aufnahmen sind leicht zu erkennen: der kanadische Pianist singt hemmungslos mit, und zwar falsch. Aber sein Spiel ist meist so fesselnd, dass man das in Kauf nimmt. Berühmt ist sein Nonlegato-Spiel. Er ist ein Verfechter von Struktur und Klarheit, benutzt das Pedal wenig bis gar nicht. Hinzu kommt seine Spielfreude, eine phantastische Musizierlust, die vor allem seine Bachinterpretationen prägt.
Sein Spiel war eine Provokation. Bei Beethoven präparierte er Stimmen heraus, an die der Komponist sicher nicht gedacht hat. Mozart zerpflückte er analytisch und bürstete die Sonaten gegen den Strich. Goulds Credo: Ich kann Deutungen finden, an die der Komponist nicht gedacht hat. Unüberschaubar ist sein diskographisches Vermächtnis: Alles Mögliche und Unmögliche wurde in letzter Zeit veröffentlicht! Zu empfehlen sind jedem Klavierfan seine Versionen der Bachschen „Goldberg-Variationen“, packend sind auch die anderen Bach-Aufnahmen, grandios die Einspielung der Beethoven-Konzerte mit eigenwilligen, anachronistischen Kadenzen des Pianisten. Stegemann zitiert in seinem Buch den Brief eines Hörers, der nach einer Fernsehsendung des Pianisten schrieb: „Mr. Gould, Sie haben mein Leben verändert.“

Michael Stegemann: Glenn Gould. Leben und Werk. Piper-Schott, 1992.
Alle CDs: Sony BMG