BERNSTEINS GEGENWÄRTIGKEIT – IN BUCH UND FILM
2018 war das Bernstein-Jahr. Am 25. August wäre das amerikanische Musikgenie 100 Jahre alt geworden, gefeiert wurde das mit einer Flut von Artikeln. Leonard Bernstein war ein einzigartiges Phänomen. Viele Bücher wurden über ihn geschrieben. Alles scheint trotzdem noch nicht gesagt zu dem amerikanischen Universalist. Er ist eine unerschöpfliche Erscheinung, eine schillernde Gestalt der Musikgeschichte, auf jeden Fall ein Faszinosum.
Zu seinem 100. Geburtstag ist eine anregende Monographie erschienen, veröffentlicht von einem Dozenten für Zeitgeschichte, der an der Universität Tübingen lehrt: Sven Oliver Müller. Untertitel seines Buches: „Der Charismatiker“. Es ist keine trockene wissenschaftliche Abhandlung, sondern ein lebendiger Essay.
Bernstein wurde nur 72 Jahre alt, er hat sich mit Alkohol und Nikotin und einem exzessiven Lebensstil zugrunde gerichtet. Er war ein kompromissloser Kettenraucher. Bernstein ist nicht auf einen Begriff zu bringen, das versucht Müller auch gar nicht, sondern beleuchtet unterschiedliche Facetten. Bernstein schien aus mehreren Persönlichkeiten zu bestehen: Er war Dirigent, Pianist, Komponist, Fernsehmoderator, Festivalleiter, Hochschul-Dozent, Schriftsteller. Jedes der Kapitel beleuchtet eine andere Facette Bernsteins: „der Gefühlsmensch“, „Der Amerikaner“, das letzte: „Tod und Verklärung“.
Natürlich glühte er für die Musik. Er habe keinen Lieblingskomponisten, er liebe einfach die Musik. Aber besonders nah stand ihm Gustav Mahler, zu dessen Renaissance Bernstein beitrug. Er habe das Gefühl, dessen Sinfonien selbst komponiert zu haben. Bernstein war der erste Dirigent, der alle Mahler-Sinfonien aufnahm.
Aber er war auch ein Selbstdarsteller, der sich zu inszenieren wusste. Diese mediale Selbstinszenierung rückt der Autor Müller in den Blick. Wie das Präsidentenpaar bestieg das Ehepaar Bernstein ein Flugzeug, drehte sich um und winkte lächelnd in die Menge. Bernstein umgab sich gerne mit Berühmtheiten: Seine Frau Felicia in einem Interview Ende der 50er Jahre: „In vielerlei Hinsicht ist er wie ein Kind. Er genießt es prominent zu sein, doch sein größtes Vergnügen besteht darin, mit anderen Prominenten zusammen zu sein.“ Einige Jahre vorher schrieb die Schauspielerin an ihren späteren Mann: „Werde endlich erwachsen, Liebster.“
Leonard Bernstein war der erste amerikanische Pultstar, der in den USA ausgebildet wurde, eine Symbolfigur des amerikanischen Traums: Er entstammte einfachen Verhältnissen, aus einer osteuropäischen jüdischen Einwandererfamilie und wurde zu einem Weltstar, der sich mit Statussymbolen wie teuren Autos umgab. Der berühmte Avantgarde-Komponist Karl-Heinz Stockhausen schrieb an Bernstein: „Es besteht eine geheime Beziehung zwischen Ihrer Seele und der Seele Mozarts – vielleicht wissen Sie es.“
Müller arbeitet viele Details in sein Buch ein: Bernstein war Gourmet und ein exzellenter Koch. Anfang der 80er Jahre spielte er in München mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks den „Tristan“ ein, für ihn das zentrale Werk der Musikgeschichte. „Jetzt ist mein Leben vollendet.“
Über 70 Werke unterschiedlicher Gattungen hat der Komponist Bernstein geschaffen. Sein voller Terminkalender ließ ihm wenig Zeit: Oft mussten Freunde die Orchestrierung eines neuen Werks fertigstellen. Er war überzeugt, immer das gleiche Stück zu komponieren.
Ein eigenes Kapitel ist dem „Privatmann“ vorbehalten. Felicia und Leonard hatten getrennte Schlafzimmer, der Komponist litt unter Schlaflosigkeit und arbeitete deshalb oft die ganze Nacht, wenn seine Frau in den frühen Morgenstunden aufstand, ging er zu Bett. Ein Journalist wollte wissen: Wären Sie Politiker geworden, wenn Sie nicht Musiker geworden wären?“ „Ich weiß nicht, ich glaube, ich bin beides zugleich. Schreiben Sie ruhig, dass ich ein politischer Musiker bin, aber nicht umgekehrt.“
Im Alter wird Europa für den Amerikaner immer wichtiger. Bernstein genießt die Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern. Zum Glück ist sie auf CD und DVD dokumentiert. Müllers Buch ist sicher nicht das letzte, aber eines der wichtigsten über diese Musikpersönlichkeit. Vielleicht wird mancher Bernstein-Fan zu dieser Biographie greifen, wenn er aus dem Kino kommt, wo gerade Steven Spielbergs Verfilmung der „West Side Story“ gezeigt wird. Steven Spielberg, der große Märchenerzähler in Hollywood, liebte schon als Kind das Musical von Leonard Bernstein.
Bernsteins größter Wunsch: ein einziges überragendes Werk zu schaffen, für das man ihn immer in Erinnerung behalten würde. Dazu ist dieses Musical geworden: die „West Side Story“, ein wahres Wunderwerk, der Höhepunkt der Gattung. Dass sie jetzt von einem der größten Regisseure unserer Zeit verfilmt wurde, zeigt, wie unverwüstlich sie ist. Es ist eines der erfolgreichsten und musikalisch anspruchsvollsten Musicals überhaupt.
Eine der gelungensten Aufnahmen stammt vom Dirigenten Michael Tilson Thomas: sattes Orchester (San Francisco Symphony), hitzige Rhythmen und tolle Stimmen. Spielbergs Verfilmung erhält sicher einen Oscar. Für die beste Filmmusik.

Sven Oliver Müller: Leonard Bernstein. Der Charismatiker. Reclam-Verlag 2018