Sein Weg zu Mozart war weit. Als Kind verabscheute er diesen Komponisten und war sich sicher, niemals seine Musik zu spielen. Aber schon der Titel des Buches verrät, dass es bei dieser ablehnenden Haltung nicht bleiben wird. Wie kann man Mozart nicht lieben? Der Vater hat kein Verständnis für die Aversion seines Sprösslings: „Was hast du gegen Mozart? Nimm dich zusammen, Junge. Mozart ist das größte Genie.“
Ketil Bjornstad, Jahrgang 1952, studierte klassisches Klavier in Oslo, London und Paris, debütierte mit 16 Jahren, wandte sich dann aber dem Jazz und dem Schreiben zu.
Der kleine Ketil hat bizarre Einfälle. So versucht er, eine Straßenbahn zum Entgleisen zu bringen, indem er einen Stein auf die Gleise legt. Der Schaffner hält an der Stelle und entfernt den Stein. Das hat zwar nichts mit Mozart tun, charakterisiert aber den kleinen Ketil.
Bjornstad erzählt von sich und von Mozart. Abwechselnd widmet er ein Kapitel seinem Weg zu Mozart und ein Kapitel Mozarts Lebensgeschichte. Die Ausgangsbedingungen sind nicht ideal. Der kleine Ketil kann mit dem Klavier überhaupt nichts anfangen. Er ist ganz glücklich, dass sein Bruder Klavier spielt. Dann muss er das nicht tun.
Beim Thema Mozart wird auch Glenn Gould erwähnt, der Mozart nicht ausstehen konnte, hingewiesen wird auf das Aufsehen erregende Interview von 1976 mit dem berühmt-berüchtigten Diktum, Mozart sei eher zu spät als zu früh gestorben. Die wunderbare späte g-Moll-Sinfonie kann er nicht leiden. Bjornstad: „Ich erwähne diesen Haß auf Mozart schon hier, weil er mit meiner eigenen Ablehnung übereinstimmt, wie ich sie in frühen Jahren hatte.“
250 Seiten später lässt er Gould Gerechtigkeit widerfahren. „Aber Gould ist eine Klasse für sich. Immerhin hat er Mozart gespielt. Er ist zweifellos einer der interessantesten und originellsten Pianisten der Musikgeschichte. Ihm gebührt Respekt.“
Der kleine Ketil kann auch mit Mozart nichts anfangen. Aber dann hört er, er ist sieben Jahre alt, die „Zauberflöte“ und ist überwältigt. Das ist seine Musik.
Trotzdem sagt er etwa später zu den Eltern: „Ich hasse Mozart.
Das hast du schon öfter gesagt.
Ich sage es noch mal, ich werde niemals Mozart spielen.
Und was ist mit der Zauberflöte?
Das ist etwas anderes. Das war Oper.“
Aber dann erhält er eine neue Lehrerin, die ihn für Mozart zu begeistern weiß. Ihr Credo: Man muss sich Zeit nehmen. Man muss dem Komponisten eine Chance geben.
Bjornstad stützt sich im Mozartstrang seines Buches vor allem auf die Briefe der Familie.
Früh ist klar, dass Mozart ein Opernkomponist werden soll. Deshalb bereist man mehrmals Italien, die Wiege der Oper.
Interessant wird es, als Mozart sich in Mannheim verliebt. Er hat nur noch Aloysia Weber, die hochbegabte Sängerin, im Kopf. Er fördert sie nach Kräften
Der Vater ist geschockt. Die Kontrolle über seinen Sohn droht ihm zu entgleiten. Es dauert lange, bis er sein Ja zu Mozarts Hochzeit mit Constanze Weber, Aloysias Schwester, gibt. Es ist eine sehr glückliche Ehe, wie die Briefe zwischen den beiden zeigen.
Das zweite Kapitel fokussiert schon den April 2013. Bjornstad wirkt am ersten Mozartfestival in Norwegen mit. So viele Mozartfestivals gibt es gar nicht auf der Welt. Man hatte ihn gebeten, zu einigen von Mozarts Themen zu improvisieren. Das war ja auch Mozarts große Passion: das freie Fantasieren. Bjornstad wählt die A-Dur-Sonate KV 331 aus. Da ist er schon bei Mozart angekommen. Am Anfang des Buches weiß man also, dass der reife Bjornstad Mozart mit Respekt begegnen wird.
Er trifft sich öfter mit Kjell Hillveg, einem langjährigen Freund. „Im Laufe der Jahre hat er mir immer neue Seiten von Mozarts Musik gezeigt.“
Sein Lehrer wird einer der bedeutendsten skandinavischen Pianisten: Robert Riefling. Er stellt immense Ansprüche an seine Schüler. Ketil macht schnelle Fortschritte.
Mit 16 debütiert er mit dem anspruchsvollen dritten Klavierkonzert von Bartok.
Aber dann entdeckt er den Jazz, eine ganz neue Welt tut sich für den jungen Ketil auf. Aber auch hier gibt es Sonderlinge. „Dieser Tage reist Keith Jarrett, mein alter Held, in der Welt herum und traumatisiert sein Publikum, indem er mitten im Konzert abbricht, entweder, weil er plötzlich meint, das Instrument sei zu schlecht oder weil jemand hustet und seine kreative Kraft zerstört.“ Jarrett ist nicht der einzige Exzentriker am Flügel. Am Ende seines Buches kommt Bjornstad auf Glenn Gould zurück. Gould hat sich nicht auf Mozart eingelassen: „Es ist Gould, der etwas verpasst hat.“
Am Telefon fragt Bjornstads Lebensgefährtin: „Dann ist es nach wie vor Mozart, über den du reden möchtest.“ Und Bjornstad. „Ja, es ist Mozart.“
Damit endet dieses schöne Buch.
Ketil Bjornstad: Mein Weg zu Mozart. Insel Verlag, 2016
