Jazz als Universum

„Das ist nichts für mich. Mit Jazz kann ich leider gar nichts anfangen.“ So oder ähnlich äußern sich viele Klassikfreunde, wenn man ihnen ein Jazzkonzert ans Herz legt. Sie ahnen nicht, was ihnen entgeht.

Jazz ist keine Musikrichtung, sondern ein Universum. Niemand verkörpert das besser als Keith Jarrett, der vor allem als Jazzpianist weltweit höchstes Ansehen genießt. Er kann alles: Er kann so lyrisch spielen wie Bill Evans und so virtuos wie Oscar Peterson. Er verfügt über die Klaviermusik aller Zeiten. Von Bachs „Wohltemperierten Klavier“ über die Klavierkonzerte Mozarts bis zu den Stilen des Jazz, vom Ragtime über den Swing bis zum Free Jazz: Er hat alles im Kopf und in den Fingern. Jarrett ist ein Verwandlungskünstler. Keines seiner Solokonzerte ist wie das andere. Deshalb erscheinen viele auf Tonträger.

Auch Friedrich Gulda versuchte den Brückenschlag zwischen Klassik und Jazz. Weltruhm erspielte er sich als Mozart- und Beethoven-Interpret, aber er trat auch schon früh in Jazzclubs auf. Mit namhaften Jazzern wie Chick Corea oder Joe Zawinul spielte er CDs ein: Mozarts Konzert für zwei Klaviere (mit Corea) und die berühmten „Haydn-Variationen“ von Brahms.

Auch für andere Klassikgrößen besaß der Jazz Anziehungskraft. Die Meisterpianisten Walter Gieseking und Vladimir Horowitz pflegten in den New Yorker Onyx Club zu pilgern, um dort den Klaviervirtuosen Art Tatum zu hören, dem es gelang, eine Synthese unterschiedlicher Stile zu schaffen.

Bix Beiderbecke hatte ein Faible für klassische Musik. Paul Whiteman, der große amerikanische Bandleader, schrieb: „Bix Beiderbecke war verrückt nach den modernen Komponisten – Schönberg, Strawinsky, Ravel – aber er hatte zu wenig Zeit für die Klassiker.“ In einer Aufführung von Richard Wagners „Siegfried“ ging ihm auf, „dass der alte Wagner nach allem doch nicht so altmodisch war, wie es schien“.

Der deutsche Jazzpianist Michael Wollny knüpft an Schubert an. Auf seinem Album „Hexentanz“ denkt er Lieder aus Schuberts „Winterreise“ jazzig weiter.

Auch der US-amerikanische Jazzminimalist Brad Mehldau lässt sich von Schubert inspirieren. Und von Bach. Sein Album aus dem Jahr 2018 trägt den Titel „After Bach“. Versammelt sind hier Eigenkompositionen von Mehldau, kombiniert mit vier Präludien und einer Fuge aus Bachs „wohltemperierten Klavier“ in Originalfassung. Diese Sammlung gilt als das „Alte Testament der Pianisten“. Mehldau hat das Jazzpiano „polyphonisiert“. Wie bei Bach können bei ihm mehrere eigenständige Linien gleichzeitig erklingen.

Manche Künstler bezeichnen Bach als ersten Jazzer der Musikgeschichte, weil er so viele Jazzmusiker inspiriert hat.

Der Jazz wurde schon öfter tot gesagt, schreibt am Anfang des „Jazz-Buchs“ Günther Huesmann „In Wahrheit war die Jazzmusik noch nie so vital und vielfältig wie heute.“

Keith Jarrett hat eine schier unübersehbare Fülle an Konzert-Mitschnitten hervorgebracht. Seine berühmteste Jazz-CD ist auf jeden Fall etwas für Klassikhörer: das legendäre „Köln Concert“ aus dem Jahr 1975, eine ausschweifende Improvisation in der Kölner Oper. Es ist ein Einstieg in Keith Jarretts faszinierendes Universum und in die weite Welt des Jazz.

Keith Jarrett: Köln Concert. ECM, 1975.

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