In diesem Jahr wurde Herbert Blomstedt 94 Jahre alt. Immer noch jettet er um den Globus, um mit den besten Orchestern der Welt aufzutreten. Blomstedt ist die Gegenfigur zum Dirigiertyrannen alter Schule: Er verbreitet nicht Angst und Schrecken, vielmehr ist er ein liebenswürdiger, menschenfreundlicher Pultstar. Fast möchte man das Wort „Star“ vermeiden, zu leise und bescheiden ist Blomstedts Auftreten. Starallüren sind ihm fremd. Er ist kein strenger Autokrat, sondern beflügelt seine Musiker durch Konzilianz, durch Freundlichkeit. 2017 feierte der Schwede seinen 90. Geburtstag. Und immer noch ist er des Reisens nicht müde, um die großen Orchester unserer Zeit zu dirigieren: die Berliner und Wiener Philharmoniker sind darunter, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und die besten Klangkörper der USA. Regelmäßig ist er beim NHK Symphony Orchestra in Tokio zu Gast, dessen Ehrendirigent er ist. Ab und zu kommt er auch nach Stuttgart, um mit dem SWR Symphonieorchester zu musizieren. Um die 80 Konzerte gibt der greise Dirigent pro Jahr.
Die Musikjournalistin Julia Spinola ist schon lange von diesem „Meister der Nuancierungskunst“ fasziniert. Nach einem Konzert mit den Berliner Philharmonikern war sie so überwältigt, dass der Entschluss zu einem Buch entstand. Spinola, die auch ein Dirigentenkompendium geschrieben hat, hat 50 Stunden lang Gespräche mit dem leisen Star geführt und ihn bei seinen Wegen um den Globus begleitet. Blomstedt hat viel zu Musik und Musikern zu sagen. Zu jedem Thema kann er eine einprägsame Geschichte erzählen. Die interessantesten Abschnitte ihrer Gespräche hat die Journalistin zu einem Buch montiert.
Über Blomstedts Kunst zu dirigieren bemerkt Spinola: Es seien „Blomstedts Interpretationen, die so frisch, mitreißend und unverbraucht wirken, wie man es nicht alle Tage erlebt. Bis heute gleicht nach einer dirigentischen Laufbahn von mehr als sechzig Jahren kein Blomstedt-Konzert dem anderen. Die Musik ist Herbert Blomstedts Lebenselixier.“
Es ist ein sehr ehrliches Buch: Der Dirigent gesteht, dass ihn Selbstzweifel immer begleiten. „Selbstzweifel sind gut. Das Umgekehrte, ein Zuviel an Sicherheit, ist tödlich in der Kunst.“
Da er Adventist ist (sein Vater war Pastor der Freikirche), hält Blomstedt am Sabbat keine Proben ab. Er verzichtet auf Nikotin und Alkohol. Sein Lehrer Leonard Bernstein richtete sich mit einem ausschweifenden Leben und viel Alkohol und Nikotin zu Grunde. Auch davon ist die Rede. Blomstedt ist ein sympathischer Dirigent, und sympathisch ist auch das Buch über ihn: gut und anregend zu lesen. Nicht Herbert Blomstedt, die Musik steht im Mittelpunkt.
Wer den Dirigenten hören will: Blomstedt spielte kurz nach seinem 90. Geburtstag mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Wolfgang Amadeus Mozarts letzte beiden Sinfonien ein. Sie sind Geniestreiche und zählen zu den bedeutendsten und berührendsten Werken des Wiener Klassikers. „Alle dunklen Seiten des menschlichen Daseins hat Mozart in die g-Moll-Symphonie hineingebracht“, wird im Booklet Blomstedt zitiert. Ihn fessele die „Leidenschaftlichkeit“. Er macht deutlich, dass das Musiktheater Mozart über alles ging, der erste und letzte Satz der „Jupiter-Sinfonie“ könnte auch als Ouvertüre vor einer Oper stehen. Blomstedt gelingen feinsinnige Aufführungen voller Elan dabei enorm nuanciert. Die CD besitzt eine spannende Dramaturgie: „per aspera ad astra“, vom Dunkel zum Licht. Die CD beginnt mit beschwertem g-Moll und endet mit triumphalen C-Dur. Die Erfahrung eines langen Dirigentenlebens geht in diese Interpretationen ein.

Julia Spinola/ Herbert Blomstedt: Mission Musik. Bärenreiter Verlag, 2017.

Mozart: Sinfonien 40 & 41. Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Herbert Blomstedt, 2018.