Friedrich Gulda – CD Rezension

“MAN MUSS SICH EINMAL TRAUEN”

Zwei Seelen wohnten in Friedrich Guldas Brust: Er liebte Bach, Mozart, Beethoven, und er konnte sich für den Jazz begeistern. In Sindelfingen erlebte man vor zwei Monaten eine Synthese aus beidem: Da gastierte der Wiener Pianist Paul Gulda in der Stadthalle. Er sprach viel von seinem Vater Friedrich und spielte noch mehr von ihm (vor allem Jazziges). Man lernte einen begabten jungen Pianisten kennen. Sein Vater war mehr: ein Genie. Deshalb wäre es nicht ganz fair, die beiden zu vergleichen.

Friedrich Gulda starb 2000, ist aber immer noch sehr präsent: eine Flut von Veröffentlichungen bricht in letzter Zeit über uns herein: Da gibt es unbestechlich gebotene Mozart-Sonaten, einen kuriosen Mitschnitt vom Auftritt in einem legendären Jazzclub und vier CDs mit Bachs “Wohltemperiertem Klavier”. Wie passt das zusammen ?

Die Mozart-Tapes unterstreichen Guldas Ruf als Mozartexperte. “Spannend wie ein Krimi” schrieb ein Kritiker der KRZ vor vielen Jahren über Guldas Mozartsspiel. Allerdings ist in diesem Mozart viel Beethoven, pianistisch perfekt wirkt das Spiel, aber oft rabiat, sehr perkussiv, im Anschlag hart und direkt, ein Schiff spielt das viel weicher. Trotzdem wurden die Bänder von 1980, als sie unlängst ans Licht kamen, als Sensation gewertet. (Gulda war da schon einige Jahre tot). Zu Guldas Beethoven muss man nichts mehr sagen, die maßstäblichen Beethoven-Interpretationen wurden schon vor einigen Jahren in der Böblinger Kreiszeitung als Weihnachtsgeschenk empfohlen.

1950, da war Gulda zwanzig, gab er sein Debüt in der New Yorker Carnegie Hall als Klassikpianist, eine Sensation. Wer hier auftritt, hat es geschafft. 1956 dann, “das weiß ich noch genau, da bin ich gestanden am Flughafen von Buenos Aires und hab´ zwei Verpflichtungen gehabt: Die eine war ein Meisterkurs am Mozarteum in Salzburg und das andere ein Engagement im Birdland in New York.” Er entschied sich für letzteres. “Tollkühn bin ich einfach ins Birdland gegangen, obwohl ich mich immer noch als Anfänger fühlte. Es ist wurscht, man muss sich einmal trauen.” Seine Jazzkompositionen auf der CD “Gulda at Birdland” sind zum Teil Geschmackssache, sie zeigen aber eine andere Seite des versierten Gulda, einen Künstler, der eher leise swingt. Die Jazzer, die Gulda um sich versammelt hatte, zählten zu den profiliertesten Vertreter des Modern Jazz, mit dabei war etwa der Trompeter Idrees Sulieman. Fast 80 Minuten Jazz enthält die Silberscheibe. Nie hat Gulda leiser gespielt.
Noch aufregender sind die Bach-CDs, transparent, rasant, zündend, auf Steigerung bedacht, oft traumhaft schön im Klang, meist jazzig-spontan (vgl. Fuga IV im WK I oder Präludium VII ebenda), eine Alternative zum motorisch-entfesselten Glenn Gould.

Gulda: Friedrich Gulda at Birdland. Universal Music Classics & Jazz.
Friedrich Gulda: The Gulda Mozart tapes. 10 Sonatas and a fantasy. 3 CD. Deutsche Grammophon.
Friedrich Gulda: Johann Sebastian Bach: Das wohltemperierte Klavier. 4 CD. Universal Music Classics & Jazz.

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