Das Gesamtwerk für Klavier solo von Maurice Ravel passt auf drei CDs, die man in weniger als drei Stunden angehört hat. Zum Vergleich: Allein Beethovens Klaviersonaten füllen neun Silberscheiben.
Ravel stellte hohe Ansprüche an sich: Er wollte sich nicht wiederholen, sondern mit jedem Werk Einzigartiges schaffen. Wie besessen feilte er an Details. Deshalb ist sein Oeuvre so schmal. Jetzt hat der Pianist Florian Uhlig das gewichtige Gesamtwerk für Klavier solo eingespielt. 1974 in Düsseldorf geboren, zählt Uhlig zu den interessantesten deutschen Pianisten der Gegenwart. Der Schüler von Peter Feuchtwanger ist ein früher Meister am Klavier. Was er auch anfasst, ob unbekannten Beethoven oder entlegenen Debussy, unter seinen Händen wird es zu klingendem Gold. Seit 2014 war er Klavierprofessor in Dresden. 2019 folgte er einem Ruf an die Musikhochschule Lübeck. Sein bis jetzt ehrgeizigstes Projekt war die Einspielung des gesamten Klavierwerks von Robert Schumann auf 19 CDs.
Bei Ravel gelingen ihm hochrangige Aufnahmen, unangestrengt virtuos, aber weit über alles Virtuose hinausgehend.
Uhlig erzählt: „Mit Ravels Musik bin ich – zumindest hörenderweise – ziemlich früh in Berührung gekommen. Es gab zuhause bei meinen Eltern eine Schallplatte mit einer ganz wunderbaren Einspielung des G-Dur Konzerts von Monique Haas. Die habe ich oft gehört, da muss ich etwa 8 oder 9 Jahre alt gewesen sein.“ Drei Jahre später gab Uhlig seinen ersten Klavierabend.
Uhlig ist ein ähnlich reflektierter Pianist wie die deutlich älteren Kollegen András Schiff oder Alfred Brendel. Uhlig durchdringt Musik nicht nur, er kann sie auch in Worte fassen: Ravel sei ein großer Revolutionär, seine Musik sehr innovativ. „An Ravels Musik fasziniert mich die Farbigkeit, die ganz eigene Verbindung von Exotik und Klassizität. Die Subtilität der Formgebung. Die Klarheit der Linien. Und nicht zuletzt die virtuose Pianistik.“ Diesen Aspekten wird Uhlig mit Leichtigkeit gerecht. Er verbindet Klarheit mit Farbenreichtum. Ravel verfügt über eine Vielfalt an Tönen, er hat auch im Stil anderer Komponisten komponiert. So heißt ein Stück „A la manière de Borodine“, ein anderes „A la manière de Chabrier“. Emmanuel Chabrier war ein großes Vorbild für Ravel, den jungen Ravel hat er stark beeinflusst. Ravel übt sich öfter im Neoklassizismus, so im Stück „La Parade“. Von Schubert inspiriert sind die „Valses nobles et sentimentales“.
Die Interpretation des berühmten „La Valse“ klingt hitzig und aufwühlend. Grollend beginnt es, dann schält sich ein Walzer-Thema heraus. „Gaspard de la Nuit“ ist eines der zentralen Klavierwerke Ravels. Hier gelingt Uhlig eine zündende, schlüssige Deutung. Er zaubert mit Klang. Das muss man auch bei Ravel. Von diesem Pianisten will und wird man noch mehr hören.

Maurice Ravel: Gesamtwerk für Klavier solo, Florian Uhlig, Klavier. Hänssler CLASSIC, 2014