Feier des Augenblicks: Florian Krumpöcks Chopin

„Das Klavier ist mein zweites Ich.“ Diesen berühmten Satz von Frédéric Chopin nimmt Florian Krumpöck für sich voll und ganz in Anspruch. Der österreichische Pianist, Jahrgang 1978, wurde auf dieser Seite schon vorgestellt. Er hat sich bedingungslos seinem Instrument verschrieben. Man hört es schnell: Das Klavierspielen ist seine große Leidenschaft. Aber das gilt für viele Pianisten. Auf der Rückseite des Booklets wird der Pianist zitiert: „Ohne direkten Kontakt zum Klang kann ich nicht leben.“

Seine aktuelle CD ist einem einzigen Komponisten gewidmet: Frédéric Chopin: die vier Balladen und die b-Moll-Sonate sind die wichtigsten Werke dieser Silberscheibe. Der erste Eindruck: Der Flügel klingt superbe, ein Bösendorfer Imperial. Er wurde auf die Bedürfnisse des österreichischen Pianisten zugeschnitten und von Technikern so lange bearbeitet, bis er den  Klangvorstellungen des Pianisten entsprach.

 Krumpöck ist auch ein profilierter Dirigent. Das hinterlässt in seinem Klavierspiel Spuren: Sein Instrument klingt oft wie ein Orchester. Im Booklet-Interview sagt der Pianist: „Mich fasziniert das Orchestrale bei Chopin, seine unverwirklichten orchestralen Träume.“ Krumpöck möchte das „Gesangliche in den Vordergrund“ stellen. „Mir ist das Klangliche enorm wichtig.“

Es ist ein sehr eigenwilliger Chopin. Chopin war der Erfinder der Ballade, er erzählte in und mit der Musik Geschichten. Krumpöck ist ein sensibler Interpret: In der ersten Ballade kommt die Musik manchmal fast zum Stillstand. Krumpöck verlangsamt den Fluss subtil und stürmt dann plötzlich los. Das wirkt sehr spontan. Auch an anderen Passagen zeigt sich: Die Interpretationen sind aus dem Moment geboren. Krumpöck feiert, ganz im Sinne des Komponisten, den Augenblick. Er musiziert nicht ganz so magisch wie der Chopin-Experte und Gewinner des Warschauer Chopin-Wettbewerbs Krystian Zimerman, aber auf seine Weise sehr überzeugend. 

Die zweite Ballade lebt vom Kontrast zwischen dem lyrischen Beginn und den dramatischen Ausbrüchen, das stellt Krumpöck schön dar.

Chopins b-Moll-Sonate, seine zweite, ist berühmt für den Trauermarsch. Aber Chopin hasste es, wenn man ihn um den Trauermarsch bat. Dann war das Konzert beendet.

 Für den ersten Satz wählt Krumpöck ein halsbrecherisches Tempo. Er hetzt durch den Kopfsatz . Kann das gut gehen?, fragt man sich zunächst. Aber Krumpöcks Technik ist den Schwierigkeiten der Sonate vollauf gewachsen.„Vergessen Sie Lang Lang und Arcadi Volodos. Auch in Österreich gibt es hochvirtuose Tastentiger“, schrieb die seriöse österreichische Tageszeitung „Die Presse“ etwas reißerisch über das solistische Debüt des Pianisten im Wiener Konzerthaus. So bringt ihn auch das heikle Finale der Chopin-Sonate nicht in Verlegenheit. Es gelingt ihm auf suggestive Weise.   

Frédéric Chopin: Balladen 1-4, Prélude cis-Moll op. 45, b-Moll-Sonate op. 35. Sony, 2023.

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