Kann Händel süchtig machen? Für den späten Beethoven war Händel der bedeutendste Komponist aller Zeiten. „Händel ist der größte Komponist, der je gelebt hat. Ich würde mein Haupt entblößen und an seinem Grabe niederknien.“ Vor längerer Zeit haben sich Murray Perahia und Ragna Schirmer für Händels Klaviersuiten eingesetzt. Etwas später hat sich eine weitere Pianistin zu Wort gemeldet, mit einem flammenden Plädoyer für den Komponisten aus Halle. Auf zwei CDs gestaltet sie die acht großen Klaviersuiten aus dem Jahr 1720. Ihr Name: Lisa Smirnova.
Sie schreibt: „Zufällig hörte ich im Jahr 2000 zwei Sätze aus einer Suite von Georg Friedrich Händel ohne zu wissen, um welches Stück es sich dabei handelte, und wurde von der Qualität dieser Musik wie vom Blitz getroffen.“ Sie beschaffte sich die Noten der Suiten und beschäftigte sich eingehend mit ihnen. „Mir erschien ein Universum von zeitloser Schönheit, in dem sich die Freude und der Mut zum Experimentieren mit einer unwahrscheinlichen Energie und Leidenschaft geradezu überschlagen.“
Das hervorstechende Merkmal dieser Einspielung: Klarheit. Aber da ist noch mehr: Man spürt jederzeit die Begeisterung der Interpretin für diese Musik, ihre Spiel-Freude ist enorm, dynamische Schattierungen setzt sie flexibel ein. Sie lässt die Musik leuchten. Der jungen Dame gelingen inspirierte, höchst lebendige, ja mitreißende Wiedergaben. Smirnova wurde in Moskau geboren und lebt heute in Wien. Sie war Schülerin des Meisterpädagogen Karl-Heinz Kämmerling und bei internationalen Festivals zu Gast. Mit zwanzig debütierte sie in der New Yorker Carnegie Hall. Die CD ist nicht brandneu, aber immer noch aktuell.
Etwas später ist eine weitere Händel-CD erschienen: mit Evgeni Koroliov. Der ehemalige Hamburger Klavierprofessor ist ein stiller Star. Er spielt sich nicht in den Vordergrund, sondern dient den Werken. Aller Glamour ist ihm fremd. Einen Namen machte er sich mit seinen Bach-Einspielungen, die international gefeiert wurden. Als 17-Jähriger führte er in Moskau Bachs gesamtes „Wohltemperiertes Klavier“ auf!
Auch zu Händel hat Koroliov etwas zu sagen. Sein Händel ist im Vergleich zu Smirnova introvertiert, aber nicht weniger klar. Wunderbar, wie Koroliov die Vielstimmigkeit dieser Musik herausarbeitet. Smirnovas Händel ist stürmisch und spontan, Koroliovs ruhiger und reflektierter. Eines haben beide Interpretationen gemeinsam: Man kann sie immer wieder hören.
Koroliovs Händelsuiten sind Teil einer Box, die außerdem eine Mozart- und zwei Haydn-CDs enthält. Auch hier sind markante, anregende Deutungen versammelt.
Georg Friedrich Händel: Die acht großen Suiten, HWV 426-433. Lisa Smirnova, Klavier. ECM New Series, 2011/12

Händel, Haydn, Mozart: Evgeni Koroliov, Klavier. Hänssler Profil, 2015
