Nein, einfache Musik ist das nicht, weder für den Interpreten noch für den Hörer. Es ist keine Musik zum Zurücklehnen und Genießen, aber dichte, dissonant schillernde Musik, die einen ganz eigenen Zauber entfaltet. Ein zentrales Werk des großen Komponisten György Ligeti ist das Klavierkonzert, entstanden 1985-1988, aus fünf Sätzen bestehend.
Ligeti hat die Musik des 20. Jahrhunderts unerhört bereichert. Er fand eine ganz eigene Sprache. Alleine seine Klavierwerke erschlossen dem Instrument neue Dimensionen. Aber seine Musik war so vielfältig, dass sie auch die Massen erreichte. Sein bahnbrechendes Orchesterwerk „Atmosphères“ von 1961 wurde als Filmmusik berühmt (2001: „Odyssee im Weltraum“), auch andere Ligetiwerke wurden in Filmen eingesetzt.
Der reife Ligeti war ein undogmatischer Komponist. Seine Musik ist eine Absage an alle Doktrinen und Ideologien. “Im Klavierkonzert präsentiere ich mein künstlerisches Credo: Ich demonstriere meine Unabhängigkeit von Kriterien der traditionellen Avantgarde ebenso wie der modischen Postmoderne.“
Der Pianist hat alle Hände voll zu tun. Pierre-Laurent Aimard ist ein Fachmann für zeitgenössische Musik. Dem Klavierkonzert ist er vollauf gewachsen. Dieses Konzert erschließt dem Klavier ganz neue Bereiche. Es ist eine moderne Feuerwerks-Musik, eruptiv und vielfarbig, motorisch und obsessiv. Der erste Satz ist von hämmernden synkopischen Akkorden geprägt, dagegen sind Soli von Horn oder Flöte gesetzt. Im zweiten Satz kommt die Musik zur Ruhe. Sie wirkt ausgedünnt und meditativ, ein Kontrast zum Kopfsatz. Erst gegen Ende des zweiten Satzes steuert das Klavier perkussive Akkorde bei. Der dritte Satz klingt minimalistisch, mit gebrochenen Akkorden des nervösen Klaviers, der vierte Satz klingt etwas wie Bernstein, komplexe Farben im Finale, mit einem eigensinnigen Soloinstrument, urplötzlich bricht die Musik ab.
Ligetis betörend schillernde Sinnlichkeit scheint an Richard Wagner anzuknüpfen, ihn mit modernen Mitteln weiterführend. Ligeti als radikaler Klangzauberer. Keine einfache Musik, wie gesagt, aber sie ist so reich und individuell, dass man sie kennen sollte. Ende Mai wäre der große Komponist 100 Jahre alt geworden.
The Ligeti Project I: Klavierkonzert u. a. Pierre-Laurent Aimard, Klavier, Schönberg Ensemble, Asko Ensemble, Reinberg de Leeuw, Dirigent. TeldecClassics, 2001.
