Die gefürchtete „Hammerklaviersonate“ als Konzertmitschnitt

Evgenia Rubinova zu Gast beim Pianistenfestival in Böblingen

Als die Pianistin Evgenia Rubinova die Bühne des Württemberg-Saals betritt und auf den Flügel zueilt, denkt man: wie soll diese zarte, grazile Person den eruptiven Gewalten von Beethovens „Hammerklaviersonate“ gerecht werden? Beethovens „Hammerklaviersonate“ ist ein monumentales, wuchtiges Werk, seine mit Abstand längste und schwierigste Klaviersonate, eine Herausforderung auch für die größten Tastenvirtuosen.

Der Pianist Rudolf Serkin war überzeugt: eine Aufführung gleiche der Besteigung des Mount Everests: ein Gipfelwerk! Beethoven war sich bewusst, was er mit diesem kolossalen Werk den Pianisten zumutete: „Da haben Sie eine Sonate, die den Pianisten zu schaffen machen wird, die man in fünfzig Jahren spielen wird“, schrieb er an seinen Verleger Artaria. Das deutet schon die Schwierigkeiten des Werks an.

Rubinova wählte einen eigenen Zugang. Sie spielte den ersten Satz sehr subtil, sie donnerte nicht, und sie raste auch nicht. Rubinova nahm den Eröffnungssatz nicht so schnell wie ein Friedrich Gulda oder ein Michael Korstick, die tatsächlich an die Grenzen gehen. Rubinova lässt sich Zeit und arbeitet viele Feinheiten heraus. Gewiss kann man den ersten Satz gewaltiger, draufgängerischer, rasanter spielen, aber kaum detailreicher. Schon am Anfang dehnt sie einzelne Phrasen, immer wieder verlangsamt sie den musikalischen Fluss. Sie entdeckt Momente des Abbrechens und Verstummens.

Ein halbes Jahr hat die junge Pianistin an dieser Interpretation gefeilt. Rubinova zeigte, was für ein faszinierender Kosmos diese große Sonate ist: Alle fünf Sätze werden durch die Terz geprägt, aus einem kleinen Motiv entwickelt Beethoven die größte Vielfalt, phantasievollen Gestaltenreichtum und unerhörte Verläufe.

Das „Allerheiligste“ des Werks, so der Musikkritiker Joachim Kaiser, ist der langsame dritte Satz, den Rubinova schattierungsreich, geradezu andächtig gestaltete, sie begab sich auf eine Reise von fast Schubert´scher Weiträumigkeit. Sie förderte die Reichtümer dieses Satzes zu Tage, der für manchen Hörer Längen besitzt. Auf der Suche ist die Musik im vierten Satz, die Klänge gestaltete sie tastend.

Gefürchtet, fast unspielbar ist die abschließende Fuge. Hier bewährte sich Rubinovas ausgezeichnete Technik, sie entwarf eine funkelnde Fuge, ja ein Fugenfeuerwerk. Beethoven stößt hier fast in atonale Bereiche vor. Dieser horrend schwere Schlusssatz klang unter den Fingern der Pianistin ganz locker und leicht, ganz klar. Es war eine imponierende Vorstellung.

Rubinova ist eine Pianistin von großer Überzeugungskraft.

Nachtrag aus dem Jahr 2024:

Der Konzertmitschnitt der „Hammerklaviersonate“ ist 2021 bei Telos erschienen und etwa bei „jpc“ erhältlich. Das Album mit Rubinovas „Hammerklaviersonate“ erhielt sehr positive Kritiken. Im „Fono Forum“ lobte der Klavierexperte Ingo Harden Rubinovas Beethoven-Spiel. Artur Pizzaro von der BBC schrieb über diese Aufnahme: „Ein absolut kolossales Konzert von einer absolut außergewöhnlichen Pianistin.“

Ludwig van Beethoven: Klaviersonaten 29, „Hammerklaviersonate“ & 30. Evgenia Rubinova, piano. Telos, 2021

Schreiben Sie einen Kommentar