Der Pianist als Verwandlungskünstler: eine Keith-Jarrett-Biographie

Es war bei einem Konzert in Lausanne: Keith Jarrett improvisierte auf dem Flügel und brach plötzlich ab. Er wandte sich ans Publikum: Befinde sich unter den Zuhörer ein Pianist, der das Konzert fortsetzen könne. Ihm, Keith Jarrett, falle nichts mehr ein. Dieser Zwischenfall wäre eines Glenn Gould würdig gewesen. Die Episode wirft ein grelles Schlaglicht auf einen radikal authentischer Musiker Man muss schon sehr selbstkritisch und zugleich selbstbewusst sein, um so einen Schritt zu wagen. Jarrett ist hypersensibel: Schon ein Huster im Publikum kann ihn aus der Fassung bringen.

Jarretts Solo-Improvisationen kommen aus dem Nichts, er stützt sich nicht auf vorhandenes Material wie Standards oder eigene Kompositionen, ein ungeheurer Kraftakt, auch deshalb, weil sich Jarrett nicht wiederholen, weil er immer wieder in Neuland vorstoßen will. Das kann auch schief gehen, wie bei dem Konzert in Lausanne. Am Anfang weiß der Hörer nie, wohin die Reise gehen wird, Jarrett vermutlich auch nicht. Gleichwohl wirken viele dieser Erkundungen wie komponiert.

Der Musikjournalist Wolfgang Sandner schreibt in seiner informativen und interessanten Jarrett-Biographie: „Seine Solowerke hatten ihn nicht nur an die Spitze des Jazz geführt, sondern ihm einen singulären Platz in der Geschichte der improvisierten Musik eingeräumt.“ Allein die mitgeschnittenen Solokonzerte mit ihren (aus)schweifenden Improvisationen bewertet Sandner als „gigantische Lebensleistung“.

In seinem Spiel ist die ganze Geschichte des Jazzpianos gegenwärtig.

Schon der Zwanzigjährige ist enorm wandlungsfähig und ein Meister der Improvisation. Auch Jazzrock gehörte in den frühen Jahren zu seinem Repertoire. Nur mit Widerwillen setzte er sich ans E-Piano. Sein Spiel erreichte früh das höchste Niveau. Wichtig waren die Jahre bei Miles Davis, einem der größten Anreger der Jazzgeschichte, der immer nach neuen Talenten Ausschau hielt.

Am Klavier scheint er alles zu können: Einmal gibt er in Japan innerhalb kurzer Zeit fünf Konzerte, die alle mitgeschnitten werden. Jeder Abend ist ein Kunstwerk für sich. Sie zeigen den Pianisten als Verwandlungskünstler.

Jarretts Kosmos ist unerschöpflich. Er ist ein Neuerer, der der Tradition verbunden ist: so improvisierte er mit seinem Trio auch über Standards.

Sein Anschlag ist sehr modulationsfähig. Jarrett ist ein hymnischer Sänger am Flügel

Er ist ohne Zweifel der vielseitigste Jazzpianist der letzten Jahrzehnte. Er hat auch zahlreiche Klassik-CD herausgebracht, mit Musik von Dowland über Bach und Mozart bis Schostakowitsch. Von Anfang an hat sich Jarrett auch mit klassischer Musik beschäftigt.

„In The Light“ ist eine klassische Komposition von Jarrett. Das Fachmagazin „Down Beat“ stellte fest: Die Schönheit dieser CD entziehe sich jeder Beschreibung.

Im Zentrum der Biographie steht der Musiker. Über den Menschen Jarret abseits der Bühne erfährt man eher wenig. „Solisten leben in ihrer eigenen Gesellschaft. Das trifft auf den privat eher scheuen, den Rummel und die Aufmerksamkeit meidenden, zurückgezogen lebenden Keith Jarrett voll und ganz zu.“ Das sind keine überraschenden Enthüllungen. Sandner rückt die Musik in den Vordergrund, aus zwei Gründen: Der Biographie möchte keinen Klatsch verbreiten. Zum anderen: Die Musik ist Jarretts Leben. Er ist von ihr besessen, in ihr geht er auf. In Sandner hat er den idealen Biographen gefunden. Sandner ist ein Virtuose der Musikbeschreibung, sein Jarrett-Buch besteht vor allem aus Musikbeschreibungen, trotzdem ist die Lektüre nie eintönig. Sandner gelingt es auf suggestive Weise, Musik lebendig werden zu lassen, ganz im Sinne Jarretts, mit einem denkbar weiten Horizont. Wie es sich für einen ehemalige FAZ-Feuilleton-Redakteur gehört, ist das Buch elegant und ansprechend geschrieben.

Über das legendäre „Köln Concert“ aus dem Jahr 1975, dem Geniestreich des 30jährigen, schreibt Sandner: „Es ist ein improvisatorisches Gesamtwerk, über dessen Formvollendung und Stringenz man nur staunen kann.“ Diesem ideensprühenden Konzert widmet Sandner ein eigenes Kapitel. Jarrett ist sich bewusst, was ihm da gelungen ist, trotzdem ist sein Verhältnis gespalten. Einerseits: „Ich höre es eigentlich nicht so, als hätten das meine Hände gespielt.“ Andererseits: „Diese Klangfarben und diese Stimmführungen hat damals niemand so verwendet.“ So wurde dieser Konzertmitschnitt zur meistverkauften Klavier-Solo-Platte.

Ein Kritiker war überzeugt: Die Schönheit der Aufnahme bestehe in ihrer trügerischen Einfachheit und Durchsichtigkeit. Das gilt auch für ganz andere Musik, etwa Richard Wagners „Meistersinger“. Von dieser kunstvollen Schlichtheit hat sich Jarrett in den folgenden Jahrzehnten immer weiter entfernt.

Es gibt auch Schattenseiten im Leben des Musikers: Drei Jahre lang musste Jarrett eine Auszeit nehmen, Er litt unter einem chronischen Erschöpfungssyndrom, das ihn völlig apathisch werden ließ. Auf der Bühne hatte er sich völlig verausgabt, die Folge: ein Nervenzusammenbruch. Der Biograph: „Jarrett saß tagelang vor seinem Haus und machte nichts weiter als in die Luft zu starren.“ Dass er schließlich zum Konzertieren zurückfindet, grenzt an ein Wunder: „Ich musste praktisch wieder vom Nullpunkt mit dem Klavierspielen beginnen. … Drei Jahre lang habe ich überhaupt nicht gespielt. Es war wie eine Neuentdeckung.“ Aus der Krise ging er gestärkt hervor. Es ist nicht nur die Biographie eines genialen Pianisten, sondern auch ein Buch über Musik.

Wolfgang Sandner: Keith Jarrett. Eine Biographie. Rowohlt Verlag, 2015

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