Das intensive traurige Leben der Maria Callas – eine neue Biographie zum 100. Geburtstag

Maria Callas ist ein Mythos, eine der aufregendsten Stimmen des 20. Jahrhunderts. Ihrem Geheimnis ist die Münchner Autorin Eva Gesine Baur in ihrer umfangreichen Callas-Biographie auf der Spur. Näher kann man einer Ikone kaum kommen. Für Baur war Callas eine zerrissene Frau, wie viele Gestalten, die sie auf der Opernbühne verkörperte. »Da sind zwei Menschen in mir, Maria und die Callas …« Der Dichter und Regisseur Pier Paolo Pasolini stellte fest: „Sie ist in gewisser Hinsicht die modernste aller Frauen, aber in ihr lebt eine Frau der Antike, fremdartig, geheimnisvoll und magisch, was furchtbare innere Konflikte in ihr auslöst.“

Die Pädagogin Maria Trivella erklärt sich bereit, Maria unentgeltlich zu unterrichten. Eine Schülerin wie diese hatte sie noch nicht gehabt. Im Konservatorium in Athen bleibt Maria für sich, sondert sich von den Kommilitonen ab. Sie hat nur ihre stimmliche Entwicklung im Sinn. Noch keine 14 Jahre alt, hat sie die Oper zum Inhalt ihres Lebens gemacht.

Auf der Rückseite des Buches steht: „In ihrer aufregenden, klugen und glänzend geschriebenen Biographie folgt Eva Gesine Baur dem Leben einer Künstlerin, die ans Äußerste ging, und erkundet, was sie so einzigartig macht.“ An diesem Satz stimmt alles, mit einer Ausnahme. Das Buch ist nicht glänzend geschrieben. Nur ein Beispiel: „Unerschütterlich pflügte sie ihren Weg durch die Äcker der männlichen Macht.“

Sie singt die Isolde und studiert gleichzeitig die Norma-Partie ein. Zwischen beiden Partien liegen Welten. Maria Callas erarbeitet sich die klassische Belcanto-Technik.

Die prominente Kritikerin Alexandra Lalaoumi nannte es „ein Rätsel, wo dieses Mädchen von zwanzig Jahren den dramatischen Ausdruck, die Wahrheit, die Ehrlichkeit, die Glaubhaftigkeit findet“.

Die junge Callas weiß, was sie will: „Was immer passiert, ich gehe nach Amerika.“ Dort lebt ihr Vater. „Ich werde zu meinem Vater zurückkehren und an der Met singen.“ Das erfüllt sich zunächst nicht.

1947 steht Maria Callas endlich dort, wo sie seit zehn Jahren hin wollte: in der Scala, sie ist 23 Jahre alt.

1949 heiratet sie den Industriellen und Musikliebhaber Giovanni Battista Meneghini. Er unterhält zwölf Fabriken. Meneghins Schwester Pia über die Schwägerin: „Sie war extrem unsicher und ließ sich oft aus der Fassung bringen.“ Trotzdem ist sie auf der Bühne in ihrem Element, mit unglaublicher Präsenz.

Die Dirigenten loben sie in höchsten Tönen. Der Dirigent Tullio Serafin meinte: “Maria Callas ist die größte Primadonna, die die Welt je sah.“ Er begleitet Callas bei der Wahnsinnsszene aus Bellinis „I Puritani“ am Flügel. Ihm laufen die Tränen übers Gesicht. „Von einem Wunder war nach ihrer ersten Bellini-Partie die Rede gewesen.“

Mexico-Stadt 1950: in fünf Wochen singt sie die Hauptpartien in fünf Opern: „Norma“, „Aida“, „Tosca“, „Il Trovatore“ und „La Traviata“. Die Norma ist ihre wichtigste Partie.

Callas arbeitet mit Stardirigenten wie Leonard Bernstein und Herbert von Karajan zusammen. „Maria hat alles getan, um Lenny zu gefallen.“ Kritiker schreiben über die „Medea“: Visconti, Maria und Bernstein haben sichtbar und hörbar gemacht, was zuvor noch niemand gehört und gesehen hatte.

Maria Callas´ „Tosca“ von 1953 ist ein Meilenstein der Schallplattengeschichte, eine legendäre Aufnahme mit Guiseppe di Stefano und Tito Gobi unter der Leitung von Victor de Sabata.

1956 ist Callas am Ziel ihrer Träume: die Violetta an der Scala, in einer „La Traviata“-Inszenierung von Luchino Visconti, „die unvergleichlich schön war, bei weiten das Schönste, was ich je auf einer Opernbühne sah“, schreibt Ingeborg Bachmann. „Es gibt dort eine Sängerin, die Maria Callas heißt und singt und spielt, als hätte sie einige Teufel und Engel in sich.“ Callas gelingt es immer wieder, ihre Zuhörer zu Tränen zu rühren. In Chicago drängen sich Menschen vor der Kasse, die sich überhaupt nicht für Oper interessieren. In Krankenhäusern werden ihre Platten gespielt, weil man erkannt hat, dass Callas´ Musik die Patienten beruhigt und zu ihrer Genesung beiträgt.

1957 wird „Anna Bolena“ in der Scala gegeben. Die Callas erhält vierundzwanzig Minuten Applaus, mehr als je zuvor eine Künstlerin an dem Opernhaus. Die Callas ist die Königin der Scala.

Telefonat mit ihrem Ehemann Meneghini, am 15. August 1959: „Ich habe beschlossen, bei Onassis zu bleiben.“ Onassis war Reeder, im Besitz von 900 Schiffen, vor allem Tanker, einer der reichsten Männer der Welt und einer der bekanntesten Griechen, ähnlich bekannt war nur Maria Callas.

Callas´ Stimme hat, da waren sich die Kritiker einig, in den 60er Jahren an Brillanz verloren, aber an Eindringlichkeit gewonnen.

Sie träumte davon, von Onassis geheiratet zu werden. Aber Onassis spielt mit ihr, demütigt sie gar. Schließlich verlässt er sie, um Jackie Kennedy zu ehelichen.

Einmal kollabiert die Callas auf offener Bühne. Die Vorstellung wird abgebrochen. Baur: „Das Publikum verließ das Haus ohne Geschrei, ohne Protest. Es war wie ein stilles Begräbnis.“ .

„Nicht meine Stimme ist krank. Es sind die Nerven.“ Es ist eine Stimmkrise.

Sie spielt mit dem Gedanken, Schauspielerin zu werden. In der Verfilmung der „Medea“ verkörpert sie die Hauptfigur, ohne eine Note zu singen. Callas hat Angst vor dem Live-Auftritt und dem Opernpublikum. Vor der Kamera braucht sie diese Angst nicht zu haben.

1969 ist ihre Stimme nur noch ein Schatten. Die Sängerin Barbara Hendricks: „sie schien keinerlei Selbstvertrauen zu besitzen.“

„Die Jahre ohne Resonanz hatten Maria Callas verunsichert, als Künstlerin und als Frau.“ 1973 gab sie Konzerte in Hamburg mit Giuseppe di Stefano, fünfundzwanzig Minuten Applaus. „Sie war noch immer ein Superstar. Doch nicht mehr wegen ihres Gesangs, das wussten alle, und sie wusste es auch.“

Der große englische Kritiker Harold Rosenthal schrieb nach einem London-Konzert der Callas: „Dies war einer der traurigsten Abende, die ich je erlebt habe.“

Der Callas-Vertraute John Ardoin wählte deutliche Worte: “Es war Callas, deren überwältigende Ausdrucksgaben uns eine neue Art, Musik zu hören und über Musik nachzudenken, bescherte.“ Und das Ende der Kritik: „Diese Callas existiert nicht mehr.“

Maria Callas stirbt 1977 in Paris an einem Herzinfarkt.

Die Lektüre dieser Biographie ist eine intensive Erfahrung.

Am heutigen Samstag wäre Maria Callas 100 Jahre alt geworden.

Eva Gesine Baur: Maria Callas. Die Stimme der Leidenschaft. Eine Biographie. C. H. Beck Verlag, 2023.

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