Candoris und der Jazz: eine Entdeckung

Der Jazz kann etwas über den wahren Menschen verraten. Er sagt nicht, wie es sein soll, sondern wie es ist. Der Startrompeter Miles Davis etwa hat das Gefühl der Einsamkeit bewegend in Musik verwandelt.

Der Jazz kann eine Droge sein, auch zur Bewusstseinserweiterung. Diese Erfahrung macht Carl Jacob Candoris, seines Zeichens Mathematiker, Kosmopolit und Musikliebhaber.

April 1935: Im New Yorker Apollo Theater tritt Billie Holiday auf, eine der markantesten Stimmen des Jazz.

Candoris war noch nie in einem Jazzkonzert. Dieses trifft ihn wie ein Schock. Es ist zugleich eine Offenbarung. Danach ist nichts mehr wie es war: „Dieser Abend krempelte alle Vorstellungen um, die ich mir von Musik gemacht hatte. Ich hatte Brahms geliebt? Nach diesem Abend bedeutete er mir nichts mehr. Ich hatte Bach angebetet? Von diesem Abend an lösten die Goldberg-Variationen in mir nur noch Nervosität aus. Beethoven hatte mich innerlich erhoben? Von nun an fand ich ihn aufgeblasen und falsch. Nicht einmal meinen geliebten Schubert ließ ich noch gelten. Sie alle, schien mir, erzählten Ideologie. Aber sie erzählten mir nicht wie der Mensch ist.“

Candoris ist eine literarische Figur. Sie entstammt dem Roman „Abendland“ des österreichischen Autors Michael Köhlmeier, der als Musiker begonnen hat.

Wahrscheinlich gibt es viele Klassikhörer, die auf den Jazz nicht reagieren wie Candoris. die sich von einer Jazzstimme nicht so berühren lassen und nach einem Konzert wie dem geschilderten glücklich zu Bach und Schubert zurückkehren. Aber Köhlmeier will von der Faszination des Jazz erzählen. .

Billie Holiday erzählt in ihren Songs von der schockierenden Wirklichkeit, von Demütigung, Gewalt und Erniedrigung. Sie selbst hat das Schlimmste mitgemacht. Jetzt singt sie darüber.

Der Rocksänger Brian Ferry formulierte es so: „Ihr Stil singt von Hoffnung, ihre Botschaft ist Verzweiflung.“

Die 1930er Jahre waren eine große Zeit der Sängerin Billie Holiday. Entstanden sind damals wunderbare Aufnahmen mit der Saxophon-Legende Lester Young und dem Pianisten Teddy Wilson. Man findet sie im Internet.

Von Holidays Auftritt im Apollo Theater gibt es keinen Mitschnitt. Aber eine Doppel-CD dokumentiert ihre Konzerte in der New Yorker Carnegie Hall, eigentlich einem Tempel der klassischen Musik.

In der Carnegie Hall gestaltete sie eindringlich „Lady Sings the Blues“: Auf den CDs meint man ganz unterschiedliche Stimmen zu hören. Der früheste Carnegie-Hall-Mitschnitt stammt aus dem Jahr 1946, der späteste aus dem Jahr 1956. In den fünfziger Jahren war ihre Stimme nur noch ein Schatten ihrer selbst, man hört eine Stimme voller Narben.

„Don´t Explain“ ist ein Stück von ihr, der Text wirkt wie gestammelt. „Du weißt, dass ich dich liebe/ Und was die Liebe aushält“. Sie weiß, dass er nicht bleiben wird. Billie Holiday singt auch von ihrer Einsamkeit.

Im letzten Jahr (November 2021) kam ein Dokumentarfilm des Briten James Erskine in die Kinos, er basiert auf unveröffentlichten Interviewtonbändern. Hier wird Billie Holiday noch einmal lebendig.

Michael Köhlmeier: Abendland. Roman. Hanser, 2007

Billie Holiday: The complete Carnegie Performances. Poll Winners, 2016

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