Bruckner einmal anders: Prägnanz statt Pathos.

Ana-Marija Markovina spielt Klavierwerke des Sinfonikers.

Eine kuriose CD, die einen ganz anderen als den gewohnten Bruckner zeigt: Anton Bruckner war ein Meister der großen Form und des langen Atems, ein Schöpfer riesiger, ehrfurchtgebietender Sinfonien. Für Richard Wagner war er „der bedeutendste Sinfoniker nach Beethoven“. Sie seien „Gottesdienste für Bildungsbürger“, liest man gelegentlich über seine Sinfonien. Nun ist eine verblüffende CD mit Klaviermusik Bruckners erschienen, die in einer ganz anderen Welt angesiedelt ist. Keine Spur von Weihe oder Feierlichkeit, die ja die Sinfonien prägen: Prägnanz statt Pathos. Frisch und flott, witzig und spritzig, so klingen viele dieser Miniaturen. Man höre nur den „Galopp“ in C-Dur, eine Polka, die keine Minute dauert. Vernimmt man dieses freche Stück, käme man nie auf den Gedanken, dass es von Anton Bruckner stammt. Das gilt für alle 32 Titel der CD. Sie zeigen eine andere Facette des Sinfonikers, der auch ein bedeutender Organist war, einen Liebhaber der kleinen Form, der sein Handwerk beherrscht. Viele dieser Miniaturen sind wohl auch Fingerübungen, keine großen Würfe, sondern knappe Entwürfe, Skizzen. Selbst eingefleischte Brucknerfans werden hier Entdeckungen machen. 13 der 32 Werke sind Ersteinspielungen, etwas großspurig als „World Premiere Recordings“ bezeichnet.

Die Pianisten Ana-Marija Markovina hat sich mit der Gesamteinspielung des Klavierwerks von Carl Philipp Emanuel Bach einen Namen gemacht. Sie bringt diese Brucknermusik auf den Punkt. Für die Fülle an Formen findet sie den richtigen Ansatz, ihr gelingen spielerisch-eindringliche, überzeugende Deutungen.

Bruckner hat auch Etüden geschrieben, sicher als Fingerübungen, besonders reizvoll eine Etüde in F: ein feierliches Thema wird virtuos und chromatisch umspielt. Seine Variationen sind nicht ganz so phantasievoll.

Bruckner hat sich daneben mit der Sonatensatzform auseinander-gesetzt. Das erste Stück der CD ist ein Sonatensatz in g-Moll aus dem „Kitzler Studienbuch“. Er lässt den Schluss zu: Aus ihm hätte ein Meister der Sonate werden können. Er hat sich für die Sinfonie entschieden.

Wie Robert Schumann versieht er manche Stücke mit poetischen Titeln: „Stille Betrachtung an einem Herbstabend“ ist ein fis-Moll-Stück überschrieben.

„Fantasie“ in G-Dur ist eine aparte Komposition, fast chopinnah. Das Spiel der 51jährigen Pianistin ist so flüssig wie energisch, ihr Ton klar und kristallin, man hört ihr gerne zu. Diese Klavier-CD ist aufschlussreich, ermöglicht Einblicke in die Werkstatt eines Musik-Titanen und besitzt darüber hinaus hohen Unterhaltungswert.

Anton Bruckner: Piano Works. Ana-Marija Markovina, Piano. Hänssler classic, 2018

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