Brahms: Annäherung an einen verschlossenen Komponisten

„Lieben Sie Brahms?“, lautet der Titel eines berühmten Romans. Man muss diesen Komponisten einfach lieben: seine Sinfonien, seine Klavierkonzerte, das Violinkonzert, vor allem aber das Klaviertrio H-Dur, die erste Violinsonate und das „Deutsche Requiem“. Unvergessen ist eine Aufführung der Totenmesse in der Sindelfinger Martinskirche unter Klaus Roller. Das ist lange her.

Nun ist eine schmale, aber gehaltvolle Brahms-Biographie erschienen, die uns Brahms, den Spröden, Verschlossenen, auf 140 Seiten näher bringt. Er wird im Armenviertel Hamburgs geboren und macht eine aufsehenerregende Karriere: Er steigt auf zu einem der bedeutendsten Komponisten des 19. Jahrhunderts, der sogar moderne Komponisten inspirierte.

Wie besessen arbeitete Brahms an seiner Bildung und an seinen Werken. Nicht einmal seine kleinen Lieder seien ihm fix und fertig eingefallen: „Da hab´ ich mich kurios geplagt.“ Sein Geld legte er in Büchern an. Mit 13 verdient er sich sein erstes Geld als Pianist in Lokalen um Hamburg. Mit 15 gibt er sein erstes Konzert, sehr spät für heutige Verhältnisse. Brahms hatte eine Bindungsscheu. „Ich habe keine Freunde. Wenn jemand sagt, er sei mit mir befreundet, so glauben Sie es nicht.“ Das ist sicher zugespitzt. Aber seine Freundin Clara Schumann schrieb: „Werden Sie es mir glauben, daß Johannes trotz unsrer langen und intimen Freundschaft niemals von dem gesprochen hat, was sein Gemüt bewegte? Er ist mir noch heute so rätselhaft, ich möchte fast sagen so fremd, wie er mir vor fünfundzwanzig Jahren war.“

In seinen Werken offenbarte und verbarg der Scheue sich. Brahms kommt in dieser Biographie ausführlich zu Wort: An Clara Schumann schreibt er: „Wie selten findet sich für unsereinen eine bleibende Stätte, wie gern hätte ich sie in der Vaterstadt gefunden.“ Nietzsche formulierte: „sein Eigenstes die Sehnsucht“. Sein weltbekanntes Wiegenlied „Guten Abend, gut Nacht“ drückt seine lebenslange Sehnsucht nach Geborgenheit aus. Da der Autor dieser Monographie ein (namhafter) Musikwissenschaftler ist, ist die Lektüre nicht immer einfach. Aber man erfährt sehr viel über den wortkargen Johannes Brahms.

Martin Geck: Johannes Brahms. Rowohlt 2013

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