Ludwig van Beethoven ist der bahnbrechende Komponist der Musikgeschichte. Alle bedeutenden Sinfoniker nach ihm, von Schubert über Bruckner und Brahms bis Mahler, haben sich an ihm orientiert, haben ihn studiert und fortgeführt. Schubert, der ein großer Beethoven-Verehrer war, schrieb: „Was kann man nach Beethoven noch machen?“ Diese Frage stellten sich viele der großen Komponisten des 19. Jahrhunderts. Nur Johann Sebastian Bach hat eine ähnliche Wirkungsgeschichte.
Jan Caeyers große Beethoven-Biographie trägt einen plakativen Untertitel: „Der einsame Revolutionär“. Aber natürlich weckt so etwas Neugier. Caeyers ist ein belgischer Musikwissenschaftler, der dirigieren und ein Dirigent, der schreiben kann. Das kommt seinem Buch zugute. Ein Dirigent macht Musik lebendig, und das gelingt Caeyers, im Gegensatz zu manch anderem Beethoven-Experten.
Aus dem kleinen Beethoven soll ein zweiter Mozart werden. Hermann Hesse hätte wohl vom „barbarischen Ehrgeiz eines Vaters“ (ein Zitat aus dem Roman „Unterm Rad“) gesprochen. Der kleine Ludwig liebt die Musik, vor allem das Improvisieren, was der schwierige Vater gar nicht gerne sieht. Das begabte Kind tritt regelmäßig in Häusern von Musikliebhabern auf. Beethoven ist ein schüchterner, in sich gekehrter Junge, dem die Musik zu Erfolgserlebnissen verhilft. Sein Lehrer Christian Gottlob Neefe ist der Ansicht, jeder Musikschüler müsse Bachs „wohltemperiertes Klavier“ gründlich studieren.
Eine Zeitung schreibt: „Dieses junge Genie verdiente Unterstützung, daß er reisen könnte. Er würde gewiß ein zweiter Wolfgang Amadeus Mozart werden, wenn er so fortschritte, wie er angefangen.“
Im Alter von zehn Jahren darf er für seinen Lehrer Neefe einspringen. Drei Jahre später ist er offiziell zweiter Hoforganist in Bonn. Wegen Alkoholismus wird der Vater vom Dienst suspendiert. Jetzt muss der junge Beethoven für die Familie aufkommen.
Sein großes Idol ist Friedrich Schiller: Früh begegnet er der „Ode an die Freude“, die ihn lange Zeit beschäftigen wird. Schillers „Einfluss auf Beethoven ist kaum zu überschätzen“.
Ganz bewusst macht sich Beethoven in den ersten Jahren in Wien einen Namen als Pianist. Es dauert eine ganze Zeit, bis der Komponist aus dem Schatten des Pianisten tritt. Er nimmt Unterricht beim großen Haydn.
„Seit dem Unterricht bei Haydn war er tief beeindruckt von den Neuerungen seines Lehrers auf dem Gebiet des sinfonischen Stils.“ Die ersten drei Klaviersonaten widmet Beethoven seinem Lehrer Haydn.
Immer wieder, und das nimmt für die Biographie ein, macht Caeyers den Menschen Beethoven sichtbar, hinter den Mythen und Legenden. Das Kontaktknüpfen etwa fällt ihm nicht leicht. Sein Schüler Ries merkte an: Er war oft verliebt, aber immer nur kurz. Mehrere Kapitel werden der Frage gewidmet: Wer war die „unsterbliche Geliebte“? Da gehen die Meinungen der Experten auseinander, Caeyers gibt einen Überblick. Er erweist sich als ein kritischer Biograph, der zwischen Fakten und Fiktionen zu unterscheiden weiß. Gerade eine „titanische“ Gestalt wie Beethoven ist von Mythen umgeben.
Beethoven kann mit Geld besser umgehen als Mozart. Der Bonner ist der erste freischaffende Komponist, aber auch immer wieder auf die Unterstützung von adligen Mäzenen angewiesen. Beethoven verabscheut das Briefeschreiben. Schon früh hat er die Angewohnheit, auf langen Spaziergängen zu komponieren. „Dabei achtete er meist kaum auf die Umgebung, weil er mit den Gedanken ganz bei der Musik war. Hin und wieder blieb er stehen und notierte brauchbare Einfälle, die er am nächsten Morgen am Schreibtisch oder am Klavier ausarbeitete. … Komponieren war für ihn harte Arbeit.“
Auch während des Unterrichtens kann er komponieren. Er hasst das Unterrichten zwar, aber ist eine junge Frau hübsch und charmant, nimmt er sie als Schülerin, oft ohne Honorar zu verlangen. Er hat auch eine Schwäche für den Alkohol. Seiner Gesundheit hat er damit sehr geschadet.
Viel später als Mozart findet Beethoven zur Oper. Der „Fidelio“ hat einen schweren Start: Die Uraufführung 1805 ist ein Desaster. Aber die Premiere der überarbeiteten Fassung neun Jahre später wird ein großer Erfolg. Unter den begeisterten Zuhörern: ein „siebzehnjähriger Student, der einige seiner Schulbücher verkauft hatte, um sich die Eintrittskarte leisten zu können: Franz Schubert“. An solchen Geschichten ist die Biographie reich.
„Obgleich ich recht gut weiß, was mein Fidelio wert ist, so weiß ich doch ebenso klar, daß die Symphonie mein eigentliches Element ist“. Um 1812 erkennt Beethoven, dass die Möglichkeiten des klassischen Stils für ihn erschöpft sind. Ausführlich beschäftigt der Biograph sich mit dem visionären Spätwerk: der gewaltigen „Hammerklavier-Sonate“ etwa oder der „Missa solemnis“. Im Fall der Messe rechnete Beethoven mit einem Jahr Arbeitszeit. Es wurden vier Jahre daraus.
1824, im Uraufführungsjahr der „Neunten“ schreibt er voller Stolz: „so muß ich doch dem Himmel danken, der mich so segnet in meinen Werken, daß ich zwar nicht reich, aber doch in stande gesezt worden bin, durch meine Werke für meine Kunst leben zu können.“
Caeyers Stil ist nicht brillant, aber ansprechend und anschaulich.
Fazit: Eine gut geschriebene, spannende Beethoven-Biographie auf hohem Niveau. Sie hat 800 Seiten und keine zu viel. Es gibt sicher nicht viele Musikwissenschaftler, die so souverän über Beethoven schreiben können.
Wer sich Beethoven hörend nähern will:
Die Gesamteinspielung der neun Sinfonien mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi ist eine der fulminantesten der letzten Jahre: Die Sinfonien klingen plastisch und vital und immer kammermusikalisch transparent. Die vierte Sinfonie scheint im Schatten der berühmteren Sinfonien zu stehen. „Und doch steckt in der 4. Sinfonie so viel Energie, dass sie in dieser Hinsicht der Eroica nicht nachsteht“, schreibt Caeyers.

2020, zum 250. Geburtstag des Komponisten, erschien allerdings eine vollständig überarbeitete Sonderausgabe.