Dieser Beethoven ist eine Wucht. So, denkt man, muss Beethoven klingen. Das galt schon für die ersten CDs von Michael Korsticks Beethoven-Zyklus, den er jetzt abgeschlossen hat. Für seine radikalen Beethoven-Interpretationen wurde Korstick mit Lob und Preisen überschüttet. Sein Leben lang hat Korstick sich mit Beethoven und seinen Sonaten beschäftigt. Schon als Student galt er als Beethoven-Experte, die Kommilitonen an der New Yorker Juilliard School nannten ihn „Dr. Beethoven“. Korstick hat für seine aufsehenerregende Gesamteinspielung eingehend die Manuskripte im Beethoven-Archiv Bonn studiert, um die Intentionen des Komponisten zu ergründen, so bleibt er nahe an Beethovens Urtext.
Beethoven ist immer eine Herausforderung. „Da haben Sie eine Sonate, die den Pianisten zu schaffen machen wird“, soll Beethoven über die monumentale „Hammerklaviersonate“ an den Verleger geschrieben haben. Korsticks Deutung beeindruckt durch wuchtigen Zugriff, intellektuelle Durchdringung und überschäumende Spiellust, in den langsamen Sätzen durch ein Höchstmaß an Versenkung. Korstick geht an die Grenze und wählt extreme Tempi: den Eröffnungssatz gestaltet er viel schneller als Gulda, das Adagio sostenuto dagegen doppelt so langsam. Die Sonate wird so noch gewaltiger: über 50 Minuten dauert sie bei Korstick, doppelt so lang wie eine gewöhnliche Sonate. Im Booklet zitiert Michael Korstick den Kollegen Rudolf Serkin: „Es sei jedes Mal, wenn man das Stück spielt, als ob man auf den
Mount Everest steige.“ Texttreue und Nuancenreichtum bei allem stürmischen Zugriff sind die Kennzeichen von Korsticks Beethoven-Spiel. Das gilt auch für die Deutung der letzten drei Beethoven-Sonaten, mit dem Korstick seinen Zyklus krönt, sie zeichnen sich durch hohe Verdichtung aus. Der gesamte Beethoven-Zyklus (10 CDs) ist in einer preisgünstigen Box erhältlich.

Ludwig van Beethoven: 32 Klaviersonaten. Michael Korstick (Klavier), 10 CDs, OEHMS CLASSIC 2012