Jarretts unendliche Melodie – sein legendäres „Köln Concert“ wird 50

Um ein Haar hätte dieses Konzert nicht stattgefunden. Die Voraussetzungen waren nicht ideal, der kleine Bösendorfer-Flügel war nicht im besten Zustand, eher desolat. Darauf wollte sich Keith Jarrett nicht einlassen. Aber er ließ sich am Ende doch umstimmen. Schließlich standen die Aufnahme-Techniker seines Labels ECM schon bereit, um dieses Konzert mitzuschneiden. Außerdem war die Kölner Oper ausverkauft. Eine kurzfristige Konzertabsage wäre eine Provokation gewesen.

Wenn ein Klassikliebhaber eine Jazz-CD in seiner Sammlung stehen hat, ist es mit Sicherheit das „Köln Concert“ von Keith Jarrett, die erfolgreichste Solo-CD des Jazz und die erfolgreichste Klavier-Solo-CD überhaupt. Am 24.  Januar 1975 wurde sie aufgenommen. Erschienen ist das Album vor fünfzig Jahren, am 30. November 1975. Aus diesem Anlass sei sie hier vorgestellt.

 In seiner großen Jarrett-Biographie räumt Wolfgang Sandner diesem Konzert ein eigenes Kapitel ein und würdigt ihre Qualitäten. Diese Großimprovisation ist wirklich ein kleines Wunder. Mancher strenger Jazzkenner rümpft vielleicht die Nase: es ist doch sehr leichtgewichtige Musik, kein Vergleich mit anderen Improvisationen des enorm wandlungsfähigen Pianisten, die eher avantgardistische Züge tragen.  Aber das Echo der Kritik war überwiegend positiv.

 Die Kölner Oper war mit 1400 Besuchern gefüllt. Jarrett wartete, bis es absolut still wurde. Man weiß es: Schon ein Huster im Publikum kann diesen  Pianisten aus der Fassung bringen.

  In der Höhe klirrte der Flügel, weshalb sich der Pianist auf die Mittellage konzentrierte Der Musikwissenschaftler Michael Schmidt war bei dem Konzert dabei und spricht heute von einem „musikalischen Bewusstseinsstrom“.  Die Musik lebt von minimalistischen Strukturen. Ökonomisch organisiert Jarrett das Material. Ein Thema ergibt sich aus dem anderen.  Die Hände agieren unabhängig voneinander. Gerade der zweite Teil zelebriert die Wiederholung. Die linke Hand entwirft Ostinato-Figuren.   Gelöstes Improvisieren kann man erleben, das nicht enden will, eine unendliche Melodie. 66 Minuten dauert dieser pianistische Bewusstseinsstrom, diese ingeniöse Selbsterkundung. Jarretts Ehrgeiz ist  es, aus dem „Nichts heraus“, ohne Vorüberlegung Musik zu schaffen.

 Er führt dazu aus: „Es ist immer wieder, als würde ich nackt auf die Bühne treten. Das Wichtigste bei einem Solokonzert ist die erste Note, die ich spiele, oder die ersten vier Noten. Wenn sie genug Spannung haben, folgt der Rest des Konzerts daraus fast selbstverständlich. Solokonzerte sind so ziemlich die enthüllendste psychologische Selbstanalyse, die ich mir vorstellen kann.“  

Kurios: Keith Jarrett beginnt seine ausgreifende Improvisation mit der Melodie des Pausengongs der Kölner Oper. Was sich dann entfaltet, ist humane Musik. Sie ist so kraftvoll wie lyrisch. Keine verstörenden Avantgardismen. Hell und hymnisch klingt  diese Jazz-CD aus. Im Schein von Einfachheit ist diese Improvisation sehr komplex.

Gut, dass Jarrett dieses Konzert nicht abgesagt hat. Eine Prophezeiung sei gewagt: Auch in 50 Jahren wird diese Groß-Improvisation noch gehört werden.

Keith Jarrett (piano): Köln Concert. ECM, 1975.

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