Alfred Brendels aufregende Aufnahmen

Er war einer der größten Pianisten des 20. Jahrhunderts. „Wir sind sehr, sehr traurig», schrieb der deutsche Pianist Igor Levit zum Tod Alfred Brendels auf X. «Ein einzigartiger Musiker und Künstler, ein Gigant ist gegangen.»

Am 18. Dezember 2008 im Alter von 77 Jahren gab Alfred Brendel sein Abschiedskonzert im Wiener Musikverein mit den Wiener Philharmonikern unter Charles Mackerras. Es war der Schlusspunkt einer atemberaubenden Karriere. Eine Auszeichnung unter vielen: Brendel war Ehrenmitglied der Wiener Philharmoniker.

So begann meine Leidenschaft für Alfred Brendel:  In der Aidlinger Ortsbücherei lieh ich mir ein Brendel-Album aus: der österreichische Pianist spielte das Konzertstück von Carl Maria von Weber und das Schumann-Klavierkonzert, ich war hingerissen. Seitdem liebe ich beide: das Schumann-Konzert und den Schumann-Interpreten Brendel.

In der Stuttgarter Liederhalle habe ich den Pianisten viele Jahre später erlebt, mit Mozarts B-Dur-Sonate KV 333, Brendel auf der Höhe seiner Kunst:  jeder Phrase verlieh  er eine andere Schattierung, das war ein Gegenentwurf zu Friedrich Guldas motorisch-perkussiver Deutung. Brendels feinsinnige Interpretation hat wohl niemand vergessen. Einige Jahre später reihte ich mich in die Schlange vor dem Kartenhäuschen ein, auf Restkarten hoffend. „Wir kommen aus Mannheim und sind in einen Stau geraten“, sagte ein älterer Herr, aber die zurückgelegten Karten waren schon verkauft. Auch ich erhielt keine mehr, der Beethovensaal mit seinen über 2000 Plätzen war komplett ausverkauft.

„Es gibt Erfahrungen, die nur im leibhaftigen Konzert zu machen sind,“ schreibt Joachim Kaiser in seinem Standardwerk „Große Pianisten in unserer Zeit“. „Manchmal, im Schubert- Adagio, beim späten Beethoven, gelingt es Brendel, seine Zuhörer zu bannen. Es entsteht eine absolute Stille; 2000 Menschen halten den Atem an, vergessen, dass sie husten könnten, rascheln nicht mit den Programmen.“ Es ist kein Wunder, dass man solche Konzerte nicht vergisst, wie lange sie auch zurückliegen.

Joachim Kaiser: „1988, auf der Höhe seiner Kunst, hatte der 57jährige Brendel eine überwältigende Flexibilität, ja ein zweite Natürlichkeit erreicht.“

 Seine Recitals kamen Offenbarungen gleich. Seine Schubert- und Beethoven-Zyklen waren herausragende pianistische Ereignisse. Brendel gelangen wegweisende Aufnahmen in einem Repertoire, das von Bach bis Schönberg reichte. Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Liszt, das waren die Säulen von Brendels Repertoire.Die erste Gesamtaufnahme der Beethoven-Klaviersonaten bei Vox in den sechziger  Jahren wurde mit dem französischen Musikpreis Grand Prix du Disque ausgezeichnet Es folgten 1977 und 1997 weitere Gesamteinspielungen der 32 Sonaten. Brendel wiederholte sich nicht, beide Aufnahmen wurde mit dem „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ bedacht, eine der wichtigsten Auszeichnungen, weil die Juroren  unabhängige Kritiker sind.

Aber nicht nur mit Beethoven feierte Brendel Triumphe.

 Der Musikkritiker Joachim Kaiser hielt Brendel für den bedeutendsten Schubert-Interpreten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 

Mit einer Deutung eines Klaviermeisterwerks gibt sich Brendel nicht zufrieden. Vier Mal hat Brendel die fünf Klavierkonzerte von Beethoven eingespielt, die letzte Aufnahme zusammen mit Sir Simon Rattle

 und den Wiener Philharmoniker ist die beste. Nuancenreich leuchtet er das B-Dur-Konzert aus, es firmiert als zweites Konzert, ist aber eigentlich das erste. Auch bei den anderen Klavierkonzerten scheint die Musik zu schweben. Brendel war ein demütiger Pianist, der sich nicht in den Vordergrund spielte, Werktreue war oberstes Gebot.

Brendel setzte sich für die unterschätzten Komponisten Haydn und Liszt ein. Misha Donat schreibt in seiner Einführung zum dritten Brendelalbum der Edition „Great Pianists of the 20th Century“: „Kontrollierte Intensität ist ein Merkmal von Brendels Liszt-Spiel.“ Bei Brendel verbinden sich Virtuosität und geistige Durchdringung der Werke. Sein Spiel leuchtet schattierungsreich.

1931 wurde Brendel in Wiesenberg/Nordmähren geboren.  In Zagreb erhielt der Sechsjährige den ersten Klavierunterricht. 1948 erfolgte das öffentliche Debüt in Graz. 1949 gewann er einen Preis beim Concorso Busoni. Er wurde Schüler von Edwin Fischer.

Zu der Box  mit den 23 Klavierkonzerten Mozarts greife ich immer wieder.  Besonders gefällt mir das Konzert für zwei Klaviere in Es-Dur. Aber auch andere Interpretationen ragen heraus: Die Konzerte Nr. 20 und 21 erklingen bemerkenswert nuanciert, aber nicht verzärtelt.

Brendel war kein Bachexperte, aber es gibt ein schönes Bach-Album, mit dem „Italienischen Konzert“ und der Chromatischen Fantasie und Fuge d-Moll BWV 903. Außerdem ist die Fantasie und Fuge a-Moll BWV 904 auf dieser CD enthalten. Brendel versenkt sich in „Nun komm der Heiden Heiland“ BWV 659, in der Bearbeitung von Ferruccio Busoni.

Brendel war auch ein Schriftsteller, er schrieb Essays zur Musik und Gedichte. Seine Erfahrung als Pianist gab er an jüngere Kollegen weiter: Herbert Schuch ist nur einer. Francesco Piemontesi und Markus Becker sind weitere Schüler. Besonders eng arbeitete Brendel mit dem Klavierwunder Kit Armstrong zusammen. Noch nie, gestand er einmal, habe er so eine Begabung erlebt.

Am 17. Juni ist Alfred Brendel in seiner Wahlheimat London im Alter von 94 Jahren verstorben. Seine Aufnahmen werden bleiben. Er wird fehlen.

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