Nicht von dieser Welt – der Stuttgarter Kammerchor singt Mendelssohn

Felix Mendelssohn Bartholdy war ein deutscher Kosmopolit mit jüdischen Wurzeln, ein gläubiger Christ und ein großer Komponist. Alle diese Elemente finden beim Kirchenmusikkomponisten Mendelssohn zusammen. Wer nichts über Mendelssohn weiß, hört doch: hier spricht ein überzeugter Christ. Es ist kunstvolle Musik voller Freude und Zuversicht, die noch nicht gebührend gewürdigt wurde. 

So ist es eine verdienstvolle Edition, die der Stuttgarter Carus-Verlag da vorlegt hat: die Einspielung des gesamten geistlichen Chorwerks Felix Mendelssohn Bartholdys. Die Chorwerke wurden auf zehn CDs festgehalten. Mendelssohn, der als Wunderkind begann und den man mit Mozart verglichen hat, wird allmählich in seiner ganzen Bedeutung erkannt, auch dank der umfassenden Mendelssohn-Biographie R. Larry Todds.

 Lange Zeit polarisierte er: Musikkenner rümpften gern die Nase: Dieser Komponist sei zu klassizistisch, zu glatt, zu gefällig-leichtgewichtig. Gewiss gibt es auch schwächere Werke, aber bei welchem Komponisten gibt es die nicht? Mendelssohns Musik bewegt sich meist auf höchstem Niveau, und es ist zu hören: Mendelssohn hat eine Schwäche für Bach und Händel und die Vielstimmigkeit. 

Leicht ist diese Musik sicherlich, aber es ist Musik von magischer Leichtigkeit. Auf jeder dieser 10 CDs kann man Entdeckungen machen. Zu Mendelssohns Perlen zählt etwa das „Lauda Sion“. Schumann war von der poetischen Psalmkantate „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser“ hellauf begeistert, dieser Psalm 42 sei „die höchste Stufe der neueren Kirchenmusik“, so Schumann. Herausragend auch die Vertonung des Psalm 95, die Mendelssohn besonders schätzte. Als „unbestrittenes Hauptwerk“ gilt der 114.  Psalm „Da Israel aus Ägypten zog“.  Die großen Oratorien sind in dieser Box nicht enthalten: „Paulus“ und „Elias“ erscheinen separat. Die Konstante der Gesamtaufnahme ist der exzellente Kammerchor Stuttgart unter Leitung seines Gründers Frieder Bernius,  wunderbar präzise und empfindsam singt das Vokalensemble. DIE ZEIT formulierte das definitive Urteil über dieses seit 1968 existierende Vokalensemble: „Phänomenal – kein Superlativ ist verschwendet, um diesen Chor zu rühmen.“ Er entwickelt sich in den Jahren der Gesamtaufnahme, die sich über ein Vierteljahrhundert erstreckte.  Ausgezeichnete Solisten wie Christoph Prégardien und Ruth Ziesak sorgen für Glanzlichter. Sehr präsent klingen das Stuttgarter Kammerorchester und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen.

Die „Lobgesang-Sinfonie“ füllt die letzte CD, eine hoch kultivierte Aufführung. „Er tröstet die Betrübten mit seinem Wort“, heißt es in dieser Sinfonie. Mendelssohn tut es mit seiner Musik. Man denke nur an die Chorsätze „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ und „Verleih uns Frieden“.

Die geistliche Chormusik von Mendelssohn sollte man kennen. Sie ist nicht von dieser Welt.

Felix Mendelssohn Bartholdy: Geistliches Chorwerk, Kammerchor Stuttgart, Frieder Bernius. 10 CDs, Carus Verlag, 2012.

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