100 Jahre Sternstunden der Sächsischen Staatskapelle Dresden

Diese Box mit zehn CDs ist eine Schatzkiste: Mit ihr werden zwei Jubiläen gefeiert: 475 Jahre Sächsische Staatskapelle Dresden und 100 Jahre Tonaufnahmen. Die reichhaltige Diskografie des Orchesters reicht tatsächlich bis in das Jahr 1923 zurück. Sternstunden aus diesen 100 Jahren sind nun in einer Box versammelt, die denn auch mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde. Die Staatskapelle ist eines der ältesten Orchester der Welt (die Königliche Kapelle Kopenhagen ist noch älter). Richard Wagner nannte sie „meine Wunderharfe“. Die Staatskapelle war das Uraufführungsorchester bei drei Wagneropern: „Rienzi“, „Der fliegende Holländer“ und „Tannhäuser“. Die Ouvertüren zu allen drei Opern sind in dieser Box vertreten, aber es gibt noch mehr Wagner. Neben der aufgewühlten Tannhäuser-Ouvertüre (Fritz Busch, Generalmusikdirektor 1922-1933) erklingt ein strahlendes „Meistersinger“-Vorspiel (Joseph Keilberth, GMD 1945-1950)) und ein feinnerviges „Lohengrin“-Vorspiel (Rudolf Kempe). Kempe (GMD 1949-1953) steuert ein opulentes „Tristan“-Vorspiel und einen farbenreichen „Liebestod“ bei, ohne Stimme, und, ganz am Schluss ertönen die Ouvertüren zu „Rienzi“ und zum „Fliegenden Holländer“ (unter Christian Thielemann).

Richard Wagner war ein wichtiger Komponist für Anton Bruckner. Seine dritte Sinfonie hat er dem großen Musikdramatiker gewidmet. Herbert Blomstedt, dieser „Meister der Nuancierungskunst“ (so Julia Spinola), dirigiert die vierte Sinfonie Anton Bruckners. Man hört Blomstedts Vertrautheit mit dieser Musik, er ist einer der größten Brucknerinterpreten. Blomstedt und Bruckner: beide sind tiefgläubige Christen. Eine Entdeckung: das „Te Deum“ von Johann Gottlieb Neumann ist wunderbare Musik. Blomstedt war 1975-1985 Chefdirigent in Dresden. Seit 2006 ist er Ehrendirigent. Diese Ehre wurde nur noch Sir Colin Davis und Christian Thielemann zuteil. Der Brite dirigiert die erste Sinfonie Edward Elgars, es ist eine prachtvoll-nachdenkliche Interpretation. Auf derselben CD erklingt von Maurice Ravel „Daphnis et Chloé“ unter Leitung des ersten Gastdirigenten Myung-Whun Chung, betörend sinnlich, mit flirrenden Holzbläsern und warmen Streichern, wunderbar klingt das Orchester.

Johannes Brahms war ein Antipode Wagners. Er schrieb keine Opern, aber vier bedeutende hochromantische Sinfonien. Giuseppe Sinopoli (1992-2001) dirigiert Brahms´ zweite Sinfonie. Der erste Satz klingt noch verhalten. Alles läuft auf das Finale zu, das mit sattem Klang gegeben wird.

Richard Strauss bewunderte den Musikdramatiker Wagner rückhaltlos. »Sehen Sie, Richard Wagner, das war ein Genie! Ich bin kein Richard Wagner, ich bin vielleicht ein Talent; nicht mehr« (26. Februar 1911). Das sagte er kurz nach der erfolgreichen Uraufführung des „Rosenkavaliers“. Trotzdem wurde er zu einem der meist aufgeführten Komponisten der Operngeschichte. Auf der ersten CD der Box dirigiert als Gast Richard Strauss die Staatskapelle Dresden, mit „Don Quixote“, eine sinfonische Dichtung aus dem Jahr 1897 (Uraufführung ein Jahr später), die weit in die Zukunft weist. Die avantgardistischen Züge arbeitet der Komponist als Dirigent heraus.

Auch das kurze Vorspiel zum „Rosenkavalier“ (dirigiert von Rudolf Kempe) darf nicht fehlen, wurde die Oper doch Anfang 1911 in der Semper Oper von der Staatskapelle uraufgeführt. Sie machte ihren Schöpfer reich und berühmt. Franz Konwitschny, Chefdirigent 1953-1955, dirigiert mit viel Witz „Till Eulenspiegels lustige Streiche“.

Auch Bernard Haitink, Chefdirigent von 2002-2004, widmet sich Strauss: Bei „Also sprach Zarathustra“, noch im 19. Jahrhundert uraufgeführt, gelingt Haitink eine extrovertierte Deutung. Der Klang der Staatskapelle ist hier eine Droge.

Straussens „Alpensinfonie“ ist sein letztes großes Orchesterwerk, Fabio Luisi, GMD von 2007-2012, spielte sie mit der Staatskapelle ein, eine gleißende Interpretation.

In der Box vertreten ist ein anderer Meister der Oper, Wolfgang Amadeus Mozart, allerdings nur mit einer Ouvertüre, der zur „Entführung aus dem Serail“, und einer Sinfonie: der späten g-Moll-Sinfonie, getragen dirigiert von Otmar Suitner, GMD von 1960-1964. Wie ein Wirbelwind fegt er etwas später durch die Ouvertüre zur „Verkauften Braut“ von Bedrich Smetana.

Mit der zehnten CD kommt die Box in der Gegenwart an. Christian Thielemann war Chefdirigent von 2012-2024. Diese zehnte CD ist ganz Richard Wagner gewidmet. Denn Thielemann ist einer der großen Wagnerdirigenten unserer Zeit. In Bayreuth hat er alle zehn Wagneropern geleitet, die man auf dem Grünen Hügel aufführt, was vor ihm nur Felix Mottl gelang. „Rienzi“ wird in Bayreuth nicht gespielt. Aber Thielemann hat die Ouvertüre zu dieser langen Oper (fast fünf Stunden Dauer!) mit der Staatskapelle Dresden aufgenommen. Am Anfang tönen die Holzbläser betörend. Es ist eine behutsame Deutung. Sehr kultiviert und klangschön, ja geschmeidig ertönt die Ouvertüre zum „Fliegenden Holländer“.

Es folgen Auszüge aus dem „Ring“. Die Staatskapelle zeigt, was für ein bestechendes Wagner-Orchester sie ist. Man höre nur das Finale der „Götterdämmerung“, die letzten 20 Minuten, den Schlussgesang der Brünnhilde: „Starke Scheite schichtet mir dort!“ Die bedeutende Anja Kampe singt mit voluminösem Sopran souverän die Brünnhilde.

Rauschhaft-hymnisch klingt diese letzte CD aus:mit dem „Liebesmahl der Apostel“. Im Juli 2024 endete Thielemanns Zeit bei der Staatskapelle. Sein Nachfolger ist Daniele Gatti, der vom Concertgebouw Orkest Amsterdam kommt. Er wird den ersten vollständigen Zyklus aller Mahler-Sinfonien in der Kapellgeschichte in Angriff nehmen. Mahler ist in dieser Box nicht enthalten, vielleicht in der nächsten.

Die aktuelle Box ermöglicht eine aufregende Reise durch 100 Jahre Staatskapellen-Geschichte. In 24 Jahren feiert dieser unvergleichliche Klangkörper sein 500-jähriges Bestehen.

475 Jahre Sächsische Staatskapelle Dresden. 10 CD, diverse Dirigenten. Profil/Edition Günter Hänssler, 2023

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