Wagners Wunderwerk mit viel Witz

„Die Meistersinger von Nürnberg“ sind Wagners Wunderwerk. Die Oper macht das Singen zum Thema, also sich selbst . Den Beziehungsreichtum und die Vielschichtigkeit arbeitet die Bayreuth-Inszenierung des Musikdramas unter Federführung von Barrie Kosky heraus. 2023 ging die Produktion aus dem Jahr 2017 zum letzten Mal über die Bühne. Jetzt bleibt nur die DVD, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Sie ist bei Deutsche Grammophon erschienen. Die Hauptdarsteller singen nicht nur grandios, sie spielen auch großartig. Wagner wäre entzückt gewesen.

Der Regisseur Barrie Kosky entfernt sich allerdings weit von Wagners Regieanweisungen. Er hat sich einiges einfallen lassen. Der erste Akt spielt nicht in der Katharinenkirche, sondern im Bibliothekszimmer von Haus Wahnfried. Hans Sachs ist Richard Wagner. Richard Wagner ist Hans Sachs. Richard Wagner an Mathilde Wesendonck: „Was werden Sie für Augen machen zu meinen Meistersingern! Gegen Sachs halten Sie Ihr Herz fest: in den werden Sie sich verlieben!“ Wagner betritt den Saal, er hat gerade die Hunde ausgeführt. Auch der Dirigent Hermann Levi ist anwesend, er spielt später den Kritiker Sixtus Beckmesser. Aus dem Flügel klettern Sängerknaben. Das ist einer von vielen komischen Momenten. Auch Franz Liszt, Wagners Schwiegervater, ist anwesend.

Die Musikkritikerin Antonia Goldhammer äußerte sich verzückt: „Es gibt Momente, in denen man plötzlich wieder weiß, ja, am ganzen Körper fühlt, warum man Musiktheater so liebt. Der erste Aufzug in Barrie Koskys Bayreuther ,Meistersingern´ ist reich an solchen Momenten.“

Die Idylle ist nicht ungetrübt. Es gibt antisemitische Akzente. Der Australier Kosky, Enkel jüdisch-russischer, jüdisch-polnischer und jüdisch-ungarischer Einwanderer, entdeckt antisemitische Züge in den „Meistersingern“. Sixtus Beckmesser ist die Karikatur eines Juden.

Einleitung dritter Akt, mit versteinerter Miene sitzt Sachs an einem gedeckten Tisch, im Hintergrund der Schwurgerichtssaal der Nürnberger Prozesse. Dahin führte Wagners Antisemitismus: ins Verbrechen und Verderben. Auch das ist Nürnberg. Die Schlussansprache singt Sachs mit Emphase: „Verachtet mir die Meister nicht“. Er dirigiert den Chor, der herangefahren wird, um ihn am Ende zu feiern. Michael Volle ist ein kerniger Sachs, immer Herr des Geschehens, er protegiert einen lyrischen Stolzing (Klaus Florian Vogt). Der Lehrbube David (Daniel Behle) tritt ganz in Weiß auf, und er singt so erlesen wie er gekleidet ist. Seine Magdalene (Wiebke Lehmkuhl) ist deutlich fülliger, und das gilt auch für ihre Stimme. Anne Schwanewilms ist eine der bedeutendsten Strauss-Interpretinnen der Gegenwart. Die Partie der Eva bringt sie nicht in Verlegenheit, die Höhe bewältigt sie mühelos und singt mit schlanker Leuchtkraft.

Zum Choral, direkt nach dem Vorspiel,knien alle nieder, ausgenommen Beckmesser, souverän dargestellt von Johann Martin Kränzle. Erst die auffordernden Blicke von Sachs bewegen Beckmesser zum Niederknien. Aber er denkt nicht daran, sich zu bekreuzigen.. Er ist Jude.

Für das filigrane Dirigat ist Philippe Jordan verantwortlich, er ist zur Zeit Musikdirektor der Wiener Staatsoper.

Um es kurz zu machen: Es ist eine Produktion mit vielen Glücksmomenten.

Die Akteure werden am Ende mit vielen Bravos gefeiert. Auch für die Regie gibt es mehr Zustimmung als Buhs. Der Schlussapplaus will nicht enden. Das erlebt man gerne mit.

Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg. Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele, Philippe Jordan (Dirigent), Barrie Kosky (Regie). Deutsche Grammophon 2017.

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