Extreme Hörerfahrungen: Luigi Nono und Wolfgang Rihm


2024 ist ein Luigi Nono-Jahr. Am 29.Januar 1924 wurde er in Venedig geboren, eine verspätete Würdigung. 2024 wurde zum Todesjahr von Wolfgang Rihm, mit dem Nono eine enge Freundschaft verband.

Er ist ein Leuchtturm der neuen Musik. Luigi Nono war ein faszinierender Komponist, der wirklich Eigenes, Neues schuf. Seine Musik ist so sinnlich, wie die Stadt, der er zeitlebens verbunden war: Venedig. Hier ist er am 29. Januar 1924 geboren, hier ist er am 8. Mai 1990 gestorben. „Il canto sospeso“ aus dem Jahr 1956 lautet ein intensives Orchesterstück, der Titel kann zweierlei bedeuten: „der schwebende Gesang“ oder der „unterbrochene Gesang“. Betörend wird hier mit den Klangfarben des Orchesters gearbeitet bzw. gespielt. Alles schwebt, wie in Venedig. Aber das Werk hat auch eine politische Dimension. Nono vertont Abschiedsbriefe von Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus.

Giovanni Gabrieli (1557-1612) steht für die venezianische Mehrchörigkeit. Gabrieli war wie Nono ein Avantgardist. Als solcher zog er Musiker aus ganz Europa nach Venedig. Nono zog nur zwei Schüler in seine Stadt: einer war Helmut Lachenmann. Der Deutsche war einer von zwei Schülern, von 1958-1960 studierte er bei Nono.

In seiner Oper „Prometeo“, er selbst nennt sie „Hörtheater“, verteilt Nono die Mitwirkenden auf drei Balkone der venezianischen Kirche San Lorenzo. Auch Giovanni Gabrieli postierte seine Musiker auf mehreren Emporen. Synchron wird bei Nono über zahllose Lautsprecher Live-Elektronik zugespielt.
Den unvermeidlichen Klavierunterricht absolvierte Nono ohne große Begeisterung. Viel mehr interessierten ihn Griechisch und Mathematik – und Fußball. In seiner Familie gab es keine Musiker, aber der Vater war ein glühender Wagnerianer. Nono beugte sich der Forderung des Vaters nach einem Brotberuf und studierte Jura.

Nono war ein politischer Musiker, mit 28 Jahren trat er der kommunistischen Partei Italiens bei. Er war besessen von seiner Arbeit. Seiner späteren Frau Nuria, Tochter von Arnold Schönberg, versicherte er, sie werde in seinem Leben stets den zweiten Platz einnehmen. Später setzte sich Nono kritisch mit seinen kommunistischen Überzeugungen auseinander.

Jürg Stenzl, bis 2010 Professor für Musikwissenschaft an der Universität Salzburg, ist ein Nono-Experte: kenntnisreich und anschaulich schreibt er über den großen Komponisten.
In seinem Streichquartett, das fast 40 Minuten dauert und in das Hölderlin-Texte eingearbeitet sind, finden sich auch schwebende Klänge. Die Kritiker glaubten eine Wendung vom politischen Engagement zu einer “neuen Innerlichkeit“ wahrzunehmen. Der Kammermusikführer „Villa Musica“ schreibt: „Auch für das Publikum ist das Werk eine in jeder Hinsicht extreme Hörerfahrung, die sich fast permanent an der Grenze zur Stille abspielt. Aus langen Pausen treten punktuelle Klangereignisse hervor, meist im Bereich des Piano oder Pianissimo verharrend.“ Die Stille war sein Leitmotiv.

Und Jürg Stenzl schreibt: „Das Werk gleicht einem Netz von Klanginseln, die aus der Stille auftauchen, um in die Pausen hinein zu verklingen.“ Klanginseln? Da denkt man natürlich an Venedig. Im Internet kann man die Interpretation des Arditti-Quartetts hören. Nono war mit dem Pianisten Maurizio Pollini und dem Dirigenten Claudio Abbado befreundet, die sich für seine Musik einsetzten. Wolfgang Rihm (Jahrgang 1952) und Luigi Nono verband in den letzten zehn Lebensjahren Nonos eine enge, gegenseitig bereichernde Freundschaft. Schon allein deshalb ist der Venezianer noch gegenwärtig. Rihm schrieb 1990 in einem Nachruf: „daß ich diesen Menschen immer lieben werde/daß seine Musik in mir weiterklingt.“ Jetzt ist Rihm im Alter von 72 Jahren verstorben: am 27. Juli 2024 in Ettlingen. Er besaß eine unverwechselbare Stimme und wird sehr fehlen. Aber er gab seine Kunsterfahrung weiter: Seine Studenten schätzten ihn als sehr liebenswürdigen und fähigen Kompositionsprofessor. Er wurde so alt wie Leonard Bernstein, obwohl er ein weniger exzessives Leben führte. Bei dem Belcanto-Festival „Rossini in Wildbad“ gab es vor vielen Jahren einen Abend mit Musik von Wolfgang Rihm. Der Komponist war anwesend. Mitten in einem Kammermusikstück riss dem Geiger eine Saite. Der Komponist stand auf und sagte: „Das ist der Druck, unter dem Kunst entsteht.“ Mit elf Jahren begann Rihm zu komponieren, über 500 Werke hat er geschaffen. Rihm war ein wortgewaltiger und arbeitswütiger Komponist, was ihm Weltruhm einbrachte. Von Nono hat er viel gelernt.

Nono wurde in Venedig, auf der Friedhofsinsel San Michele beigesetzt.

Jürg Stenzl: Luigi Nono. Rowohlt Monographien. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1998.

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