Die Jazzlegende Joe Viera ist tot. Er starb am Sonntag im Alter von 91 Jahren in München. Vor 15 Jahren durfte ich ein Interview mit ihm über Bigband-Arbeit führen. Anlässlich seines Todes veröffentlichen wir hier diesen Artikel.
Es regnet den ganzen Tag. Die Irm ist über die Ufer getreten. Die braunen Wassermassen reißen Autos mit. Im Rittersaal von Schloss Deufringen strahlen die Instrumente der Bigband um die Wette. Die Luft ist abgestanden, es wird konzentriert geprobt. Am Notenpult steht Joe Viera, eine ungemein vielseitige Figur: Der gebürtige Münchner (Jahrgang 1932) ist einer der bekanntesten deutschen Jazzer: er ist Jazzprofessor, Komponist, Saxophonist, Arrangeur, Festivalgründer, Pädagoge, Buchautor und Bigband-Leiter. Vor allem aber ist er eines: ein leidenschaftlicher Jazzer. Nach der Probe am Freitag nahm er sich Zeit für ein Gespräch
JR: Herr Prof. Viera, wie kamen Sie nach Aidlingen?
Viera: Georg Schütz hatte mich zu einem Workshop mit seiner Band eingeladen, bei sich zu Hause war das, 1988. Wir sind ins Gespräch gekommen, und dort wurde die Idee geboren, allgemeine Workshops zu machen für Musiker, die in der Nähe wohnen. Das fing mit einzelnen Terminen an, ich habe Saxophon und Combo unterrichtet, Wolfgang Ruß Gitarre und Combo. Bis zur Vereinsgründung 1994 organisierte und finanzierte Georg Schütz alles privat. Nach der Vereinsgründung 1994 kam die Idee zu einem Festival auf, und es hat sich bewährt, das immer Anfang November zu machen. Schrittweise ist das mehr und mehr geworden.
JR: Die Bigband des Jazzforums gab vor 10 Jahren ihr erstes Konzert. Wie ist sie entstanden?
Viera: Ich habe Fortgeschrittenenworkshops gemacht, die ich immer noch einmal im Jahr anbiete, daraus ist eine feste Combo geworden. Meine Idee war ziemlich bald, aus der Combo eine Bigband zu machen. Ich habe einen Bigband-Workshop angeboten, um die Musiker auf den Geschmack zu bringen. Wir haben die ersten Konzerte gespielt, in Deufringen, in Böblingen. Die Besetzung ist immer stabiler geworden. Es gab einige Wechsel, aber wir sind immer die Treppe hinaufgefallen, und jetzt haben wir die beste Besetzung, die wir je gehabt haben. Die Idee, eine CD zu machen hatten wir schon länger, aber jetzt können wir sie erfreulicherweise realisieren. Die Band ist richtig gut geworden.
JR: Was hat Sie gereizt, sie zu leiten?
Viera: Ich habe noch zwei andere Bigbands, die Uni-Big Bands in München und in Passau, und ich habe auch früher schon Bigband-Arbeit gemacht, habe Kurse mit Schul-Bigbands geleitet. Bigband ist eine feine Sache, macht mir riesigen Spaß. Außerdem ist es DIE Schule des Jazz, vieles, was man in dieser Musik braucht, lernt man in einer Bigband am schnellsten und am besten. Es sind verschiedene Faktoren, die zusammen kommen.
JR: Welches Ziel haben Sie sich gesetzt?
Viera: Das Ziel war, öffentlich aufzutreten und irgendwann auch einmal eine CD zu machen. Jetzt sind wir gottseidank so weit. Ich glaube, dass die CD als Visitenkarte uns auch neue Auftritte ermöglichen wird, auch weiter weg, so dass man vielleicht eines Tages auch eine Wochenend-Tournee machen kann. Bei den Stücken geht es mir um Arrangements, die hervorragend geschrieben, aber trotzdem spielbar sind. Da bin ich immer auf der Suche. Zuhause habe ich ein Archiv von etwa 300 Big Band-Arrangements. Davon nehme ich immer wieder das eine oder andere Stück, um es dem Repertoire hinzuzufügen. Eine Big Band steht und fällt mit den Arrangements.
JR: Das Jazzforum Aidlingen gibt es seit 15 Jahren. Wie sagen Sie zu seiner Entwicklung?
Viera: Erstaunlich. Es wächst und wächst. Für diesen kleinen Ort ist das bewunderungswürdig. Ich denke, dass diese Initiative schon lange einen Kulturpreis verdient hätte.
JR: Das Jazzforum engagiert sich auch für den Nachwuchs. Sie sind ein berühmter Pädagoge. Wie gewinnt man heute junge Menschen für den Jazz?
Viera: Indem man ihnen die Musik vorspielt und vorlebt. Viele haben keine Ahnung von dieser Musik. Wenn man nachfragt, dann stellt man fest, dass sie dumme Sprüche nachplappern: Dass die Musik zu kompliziert wäre, zu fad, aber wenn sie diese Musik einmal live erleben, wenn man sie ihnen nahe bringt durch Workshops, dann ist die Begeisterung bei vielen groß. Es ist einfach eine Frage der Praxis.
Jetzt ist Joe Vera am Sonntag, dem 7. April, im Alter von 91 Jahren in München verstorben. Wer ihn gekannt hat, wird ihn nicht vergessen.
Bigband des Jazzforums Aidlingen: Super Chief. Leitung Prof. Joe Viera. Scb-music, 2009.
Erhältlich über das Jazzforum Aidlingen
