Ansteckende Begeisterung: Michael Maul über Bachs geistliches Vokalwerk

Dieses Buch will für Bach begeistern. Der Untertitel lautet: „Liebeserklärung an die Musik des Thomaskantors Johann Sebastian Bach“. Relativ schnell wird klar: Hier schreibt ein Schwärmer. Er ist aber zugleich Wissenschaftler und Professor und insofern ein Mann des nüchternen Urteils. Wenn man Musiker nach dem bedeutendsten Komponisten der Musikgeschichte fragt, werden die meisten nicht Mozart oder Beethoven nennen, sondern Johann Sebastian Bach. Michael Maul zitiert auf der ersten Seite seines sehr persönlichen Buches den Komponisten Mauricio Kagel: „Nicht jeder Musiker glaubt an Gott, aber alle [glauben] an Johann Sebastian Bach.“

Der Autor Michael Maul forschte zwei Jahrzehnte am Leipziger Bach-Archiv und ist seit 2018 Intendant des jährlichen Leipziger Bachfestes Es zieht Menschen aus nahezu 50 Nationen an.

Maul konzentriert sich in seinem Buch auf das geistliche Vokalwerk und geht dabei sehr ins Detail. „Mir scheint, dass sich Bachs einzigartiges Genie nirgendwo sonst in seinem Schaffen so ausgeprägt und vollständig zeigt wie in seinem Kantatenwerk.“ Es sei das „Herzstück seines hinterlassenen Oeuvres“.

Das Buch setzt 1722 ein, noch befindet sich Bach in Köthen, dem Musenhof, er ist seit kurzem glücklich mit der Sängerin Anna Magdalena verheiratet.

Das erste Kapitel trägt den Titel: „Leipzig sucht den Super-Cantor (1723)“. Die Thomasschule ist das berühmteste Musik-Internat des protestantischen Deutschlands, das Kantorat ein städtisches Amt. Nach dem Tod des verdienten Kantors Johann Kuhnau wird ein Nachfolger gesucht.

„Tatsächlich zeigte einer der gefragtesten Musiker seiner Zeit schon wenige Wochen nach Kuhnaus Tod Interesse an der Stelle: Georg Philipp Telemann.“ Schließlich entscheidet sich der innovative Komponist für den Verbleib in Hamburg.

Johann Sebastian Bach macht das Rennen. Seine Verpflichtung im Arbeitsvertrag, die Musik an der Thomas- und Nikolaikirche sollte so beschaffen sein, dass sie „nicht opernhaftig herauskomme, sondern die Zuhörer vielmehr zur Andacht aufmuntere“. Warum entscheidet sich Bach für Leipzig und gegen Köthen? In der Handelsmetropole erwartet ihn ein höheres Einkommen. Als Thomaskantor ist er der Musikdirektor der gesamt 30 000 Einwohner-Stadt. Michael Maul weiß: Die „hervorragenden Rahmenbedingungen lockten seit dem frühen 17. Jahrhundert immer wieder berühmteste Musiker ihrer Zeit ins Thomaskantorat.“

Außerdem bietet die Universitätsstadt bessere Ausbildungsperspektiven für seine Söhne.

Seine Antrittsmusik, die Kantate „die Elenden sollen essen“, uraufgeführt am 30. Mai 1723, fällt eindrucksvoll aus, ein Einstand nach Maß für den neuen Thomaskantor. In seinem ersten Leipziger Jahr führt Bach nur eigene Musik auf. Das bedeutete, jede Woche eine Kantate komponieren und einstudieren. Erstaunlich, dass in so kurzer Zeit eine so große Zahl an Meisterwerken entstanden. Seine Söhne sagten Bach nach, dass er den Ehrgeiz hatte, „immer weiter zu kommen“ Der erste Leipziger Kantatenjahrgang ist für Maul eine „phänomenale Leistung“, ein „Monument der Vielfalt“.

Der zweite Jahrgang besteht dann aus Choralkantaten.

Die neue Schulordnung verärgert Bach: Bisher wählten Rektor und Kantor die Thomasschüler auf Grund ihrer musikalischen Begabung aus. Jetzt entscheidet der Stadtrat in letzter Instanz, wer Chorknabe wird und wer nicht. Wichtig ist ihm nicht die musikalische Eignung der Anwärter, sondern ihre Herkunft aus Leipzig. Viele sind dem Anspruch von Bachs Musik nicht gewachsen.

Am Ende des ersten Jahres in Leipzig steht die Johannes-Passion. Schon ihr Beginn „überwältigt mit seiner aufrüttelnden Wirkung“. Die damaligen Interpreten mussten an ihre Grenze gehen.

Bach improvisiert an einer Hamburger Orgel. Johann Adam Reincken: „Ich dachte, diese Kunst wäre gestorben; ich sehe aber, dass sie in Ihnen noch lebet.“

Bach war ein Meister des Kontrapunkts. „Schon seinem Umfeld muss diese phänomenale Fähigkeit im polyphonen Denken ungeheuerlich vorgekommen sein.“

Bach ist ein zukunftsweisender Tonsetzer. Er intensiviere in BWV 46 die Harmonien „in einem Grade, dass das Ergebnis fast schon atonal klingt und so eher an einen Chorsatz Max Regers oder gar Arnold Schönbergs erinnert.“

Maul nennt Bach einmal einen „Klangmagier“.

Auch als Orgelsachverständiger ist Bach sehr gefragt

CPE Bach: „Bey seinen vielen Beschäftigungen hatte er kaum zu der nötigsten Correspondenz Zeit.“

Ausführliche Würdigungen erfahren die Matthäus-Passion und die h-Moll-Messe. Der Bachforscher zitiert Nietzsche: Drei Mal in einer Woche habe er die Matthäus. Passion gehört. „Wer das Christentum völlig verlernt hat, der hört es hier wirklich wie ein Evangelium.“ Deshalb wird Bach auch gerne als „fünfter Evangelist“ bezeichnet.

Der Thomaskantor der späten 40er Jahre ist neugierig und experimentierfreudig.

Das letzte Großwerk ist die h-Moll-Messe: Bach zieht alle Register seiner Kompositionskunst. Die Aufführung einer Missa tota hat im lutherischen Gottesdienst allerdings keinen Platz.

Maul formuliert anschaulich und flott. Er scheut vor sprachlichen Klischees nicht zurück. Aber was zählt: Er ist ein Meister der Musikbeschreibung.

Mauls Ziel: „bei den Lesern mit jedem Satz die Lust zu wecken, tiefer in Bachs geistliches Werk einzutauchen und sich selbst auf den schier endlosen Kosmos an kreativer Klangrede einzulassen“. Für einen Nicht-Musiker geht Maul sehr ins Detail. Mauls Begeisterung aber ist ansteckend. Ergänzt wird der Text durch Hörbeispiele, so dass man in Bachs Klangwelt „eintauchen“ kann.

Leider werden die vielen gut ausgewählten und aufschlussreichen Zitate nicht nachgewiesen. „Zugunsten einer guten Lesbarkeit habe ich auf einen breiten Fußnotenapparat verzichtet.“ Aber man hätte am Ende des Buches die Zitate ausweisen können, das hätte die Lesbarkeit nicht beeinträchtigt. Das Buch endet mit einer Bachzeile: „Wie wunderbar sind deine Werke!“

Der Rest ist Staunen.

Michael Maul: J. S. Bach: „Wie wunderbar sind deine Werke!“ Eine Liebeserklärung an die Musik des Thomaskantors Johann Sebastian Bach. Insel Verlag, 2023.

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