Eine Verwandlungskünstlerin an der Klarinette: Shirley Brill

Die israelische Klarinettistin Shirley Brill verfügt über einen wandlungsfähigen Ton. Sie ist eine Meisterin ihres Fachs. Sie hat bei Sabine Meyer in Lübeck studiert und bei Richard Stoltzman am New England Conservatory of Music in Boston und ist heute selbst Professorin, an der Hochschule für Musik Nürnberg. Beim ARD-Wettbewerb 2003 erspielte sie einen Sonderpreis. Als Solistin debütierte sie mit dem Israel Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Zubin Mehta.

Ihre neue CD mit folkloristisch gefärbten Werken für Klarinette und Klavier, bei hänssler Classic erschienen, ist reizvoll. „Roots“ lautet der Titel: Wurzeln. Mit Wurzeln ist in diesem Kontext der Volkston gemeint. Und so beginnt das Album mit Robert Schumanns „Fünf Stücken im Volkston“, im Original für Klavier und Cello komponiert, aber von Shirley Brill für ihre Zwecke bearbeitet. Ein kesse Klarinette gestaltet das erste Stück, ausgelassen und spontan, voller Spiellust, das klingt fast wie Klezmer-Musik. Die zweite Miniatur ist ein Kontrast: sehr ruhig und kultiviert, mit einem vollen, sehnsüchtigen Klarinettenton.

Es folgen drei kurze knackige, zündende Miniaturen von Krzysztof Penderecki. Clara Schumann ist mit drei Romanzen vertreten. Die schwärmerische dritte hätte auch von ihrem Ehemann Robert stammen können: Vortragsanweisung: „leidenschaftlich schnell“.

Jonathan Aner ist ein sensibler Begleiter am Flügel. Er ist Professor für Kammermusik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin. Die Klarinettistin und der Pianist sind auch abseits der Bühne ein Paar. Als Musiker harmonieren sie perfekt. In diesem Jahr wird ihr Duo 25 Jahre alt.

Mieczyslaw Weinbergs Sonata op. 28 ist für Klarinette und Klavier geschrieben. Sie ist das Hauptwerk der CD und lebt von folkloristischem Material. Weinberg wurde 1919 in Warschau geboren und starb 1996 in Moskau. Der Mittelsatz klingt stark nach Schostakowitsch. Das ist kein Zufall: Die beiden Komponisten schätzten einander sehr. Bevor Weinberg eine Arbeit veröffentlichte, zeigte er sie Schostakowitsch. Und umgekehrt. In dieser Sonate klingt die Klarinette ausgesprochen variabel und geschmeidig. Besonders schön der Ausklang, ein unendlich lang gezogener Klarinettenton, der in die Stille mündet.

Eine CD zum Wieder- und Wiederhören.

Mieczyslaw Weinberg: Sonata op 28. Robert Schumann: Fünf Stücke im Volkston, u.a. Shirley Brill, Clarinet, Jonathan Aner, Piano. Hänssler CLASSIC, 2023.

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