Phantasievoll: das neue Album des Julia Hülsmann Quartets

Schon der Anfang nimmt gefangen: Das neue Album des Julia Hülsmann Quartets „The Next Door“ beginnt mit delikaten Debussy-Klängen des Klaviers, die Musik findet dann aber bald zu einer eigenen Note. Hülsmann ist keine Impressionistin, obwohl auch sie mit Klangfarben spielen kann, sie ist eher Lyrikerin. Ihre Kompositionen gehen häufig von literarischen Werken aus, vor allem von Gedichten. Sie weiß um den Zauber, der von Anfängen ausgeht. So zieht sie den Hörer in ihre Musik hinein. Schon hier setzt der Saxophonist Uli Kempendorff mit intensiven Linien ein. Am Ende des Eröffnungsstücks sind Klavier und Saxophon eng verzahnt. Und so geht es auch weiter.

In dem Album “Not Far From Here” aus dem Jahr 2019 stellte die vielfach ausgezeichnete Julia Hülsmann ihr neues Quartett vor. “Seit dem ersten Album waren wir sehr viel unterwegs”, merkt Julia Hülsmann an. “Wir hatten Zeit, unsere engen Verbindungen im Quartett weiterzuentwickeln, und dadurch ist unser Zusammenspiel noch intuitiver geworden.” Nicht nur in der Komposition „Open Up“ aus der Feder von Uli Kempendorff erlebt man virtuoses Zusammenspiel.

Harmonische Sensibilität zeichnet ihr Spiel aus. Sie lässt den Flügel so schön klingen und singen wie eine anderer großer Lyriker: Bill Evans. „Er ist der Vater von allen“, bemerkte Michel Petrucciani über das große Vorbild. Hülsmanns Klavierlehrer regte sie an, Musik von Evans zu hören und zu spielen, aber auch von Chick Corea, Michael Brecker und Miles Davis.

„Empty Hands“ heißt das Eröffnungsstück, eine Komposition von Julia Hülsmann. Leere Hände? Nein, das ist natürlich kokett formuliert, Hülsmann steht nicht mit leeren Händen da. Stilistisch reich, auch anspielungsreich ist ihr Klavierspiel. Das zeigt schon der Anfang des Albums. Mit wenigen Noten kann sie viel ausdrücken. Mit einigen hingehauchten Akkorden Atmosphäre schaffen. Damit regt sie ihre Mitstreiter an, die sich nicht zu verstecken brauchen. Im Diskant schillern ihre Figuren.

„Made Of Wood“, das zweite Stück des Albums, lebt von sparsamen Akkorden, das Klavier scheint zu meditieren, verwinkelte Saxophon-Soli ergänzen es. Das Stück von Julia Hülsmann erinnert etwas an Leonard Bernstein.

„Polychrome“, das dritte Stück, stammt von Marc Muellbauer, Saxophon und Flügel treten in einen Dialog, vielfarbig und behutsam, es ist ein verhaltenes Stück.

Die vierte Komposition, „Wasp At The Window“, ist die längste: Am Anfang steht ein Bass-Solo von Marc Muellbauer, der das Stück geschrieben hat, hinzu kommen aufgewühlte, ekstatische Saxophonsoli mit einem großen Ambitus. An den Drums sitzt ein souveräner Heinrich Köbberling, der auf der CD mit zwei Kompositionen vertreten ist.

„Sometimes It Snows In April“ ist ein Lied des Popsängers Prince, man sieht die Flocken förmlich schweben.

Das letzte Stück stammt aus der Feder von Marc Muellbauer und trägt den Titel „Valdemossa“. Meint er damit „Valldemossa“, die Gemeinde auf Mallorca, wo Frédéric Chopin an seinen „Préludes“ arbeitete? Wie auch immer: „Valdemossa“ ist das romantischste, traumverlorenste, schönste Stück dieses feinen Albums.

Julia Hülsmann Quartet: The Next Door. Uli Kempendorff, ts, Julia Hülsmann, p, Marc Muellbauer b, Heinrich Köbberling, dr. ECM 2022.

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