Murray Perahia und die 24 Chopin-Etüden

Murray Perahia, der große Bachinterpret, hat sich auch an die Chopin-Etüden gewagt, mit durchschlagendem Erfolg, wenn man es so martialisch formulieren will. Die zwei Etüdenbände op. 10 und op. 25 gehören zum Schönsten und Bedeutendsten im Schaffen des Polen mit dem französischen Namen. Das ist verwunderlich. Die meisten Etüden von Czerny bis Burgmüller sind stupide Fingerübungen, die Klavierschüler zur Verzweiflung bringen, musikalisch ohne jeden Wert. Nichts davon bei Chopin. Jede Etüde ist einem technischen Problem gewidmet, aber gleichwohl große Musik. Die erste besteht aus Arpeggien mit gespreizter Hand, die zweite aus Chromatik für die kleinen Finger. Es gibt im zweiten Band eine höllisch schwere Terzenetüde, trainiert werden aber auch Sexten und Oktaven. Diese Etüden sind für den Konzertsaal gedacht. Liszt zog sich einige Tage zurück, um sie in den Griff zu bekommen. Selbst für den größten Pianisten des 19. Jahrhunderts waren diese Klavierstudien eine Herausforderung. Liszt war der zweite Band der Etüden gewidmet.

Bei Perahia verbinden sich brillante Technik und entwickelter Klangsinn. Aus den 24 Etüden macht er wunderbare Musik.

Eine rauschende und berauschende C-Dur-Etüde, mit farbigen Klangwogen steht am Anfang. Sie knüpft an Bachs berühmtes C-Dur-Präludium aus dem ersten Teil des „Wohltemperierten Klaviers“ an. Bach war auch für Chopin ein wichtiger Komponist. Schon in der ersten Etüde fällt der feine Klang des Pianisten auf, wobei die linke Hand markant die Oktaven setzt. Auch in der zweiten Etüde wird die linke Hand nicht unterschlagen. Die vierte Etüde besticht durch elektrisierenden Elan.

Auch im zweiten Band begegnet man erlesener Klavierkunst.

Der Starpianist Lang Lang dehnt die As-Dur-Etüde am Anfang des zweiten Bandes übermäßig, und spielt das Stück gleichsam in Zeitlupe, vielleicht erscheint ihm das poetisch. Perahia geht subtiler vor, indem er flüssiger spielt und das Rubato sparsamer einsetzt. Die Interpretationen von Perahia sind voll von solchen Feinheiten. Die Terzenetüde ist die schwierigste Übung in beiden Zyklen. Perahia spielt sie in atemberaubendem Tempo, dabei sehr präzise und klar. Überschäumend-vergnügt die 9. Etüde. Kein Gedonner in der Oktavenetüde. Leidenschaftlich und gestochen scharf die vorletze Etüde. Die letzte besteht aus wogenden Klängen, wie die allererste, aber nun spielen beide Hände gebrochene Akkorde.

Auf jeden Fall eine Referenzaufnahme.

Frédéric Chopin: Etüden opp 10 und 25. Murray Perahia, Klavier. Sony, 2016

Schreiben Sie einen Kommentar