Haden und Jarrett im Duo: „Jasmine“

Der Titel dieses Jazzalbums klingt poetisch, obwohl er nur aus einem Wort besteht: „Jasmine“. Schnell stellen sich Assoziationen ein: Jasmine ist eine erlesene Figur, eine Disney-Prinzessin. Aber natürlich denkt man auch an die Blume Jasmin, sehr weiß, betörend duftend. So wird es niemanden wundern, dass diese CD sehr sinnlich klingt. Die beiden Musiker beginnen phantasievoll, denn beide sind aufgeweckte Improvisatoren, Genies des freien Fantasierens: Keith Jarrett am Flügel und Charlie Haden am Bass. Der erste Titel lautet „For All We Know“, ein Popsong aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, der ab den 1950er-Jahren zu einem beliebten Jazzstandard wurde. Damit ist das Programm dieser CD formuliert.

1968 trafen drei junge Jazzer aufeinander, um das Keith Jarrett Trio zu bilden: neben dem Pianisten waren das der Drummer Paul Motion und der Bassist Charlie Haden. Jarrett war gerade dreiundzwanzig Jahre alt, und mit seinen Ensembles und seinen Solokonzerten sollte er Musikgeschichte schreiben. Fast vierzig Jahre später, im März 2007, schlossen sich Jarrett und Haden zu einem Jazzduo zusammen, die erste CD der Kooperation ist eben „Jasmine“. Die CDs mit Charlie Haden zeigen Jarrett entspannt, vielleicht wegen der Vertrautheit zwischen den Musikern.

Haden war ein Innovator: „Er gilt als einer der stilprägenden Vertreter des Free Jazz“, bringt Wikipedia es auf den Punkt. Free Jazz ist auf dieser CD allerdings kein Thema.

Haden hat viele Bassisten nach ihm beeinflusst. Die Haden- Familie gestaltete in einem lokalen Radiosender ein regelmäßiges Programm, die Haden Family Radio Show, in der der junge Charlie bereits im Alter von 22 Monaten als Sänger auftrat. Im Alter von 22 Monaten? Dann wäre er ein Wunderkleinkind gewesen. Haden lebte von 1937 bis 2014, war also acht Jahr älter als Keith Jarrett.

Die CD beginnt mit einer aufsteigenden Quarte. Jarrett gestaltet das so, dass man sofort an Schumanns „Träumerei“ aus den „Kinderszenen“ denken muss. Auch andere Stücke der CD haben poetische Momente. Zu „No Moon At All“ fällt beiden Musikern sehr viel ein.

Jarrett spielt so lyrisch wie der große Bill Evans. Zusammen mit Haden musiziert er gelöst, abgeklärt, federleicht.

Der Jarrett-Biograph Wolfgang Sandner beschreibt dieses Jazzalbum so: es gibt „intime Balladen, Zwiegespräche zweier gleichgestimmter Seelen, bisweilen in schlichtem melodischen Duktus, aber mit einer Sonorität und einer Ausdruckskraft, die vollkommen in den Bann schlägt und an die frühen Aufnahmen des ersten Trios von Keith Jarrett denken lässt.“

„Jasmine“ enthält stimmigen und stimmungsvollen Jazz. „Don´t Ever Leave Me“ steht am Ende. Diese Musik verlässt einen nicht. Man muss kein Jazzexperte sein, um an dieser leisen, schwebenden Kunst seine Freude zu haben.

Jasmine. Keith Jarrett (p), Charlie Haden (b), ECM, 2010.

Schreiben Sie einen Kommentar