2017 sorgte der Pianist Fabian Müller beim ARD-Wettbewerb in München für Furore. Er erhielt gleich fünf Preise, mehr als jeder sonst in diesem Jahr.
“Es war für mich völlig verrückt“, erinnert er sich der 1990 geborene Pianist. „Ich hatte mich erst ziemlich kurzfristig entschlossen, überhaupt mitzumachen, eigentlich passte es zeitlich und organisatorisch gar nicht gut rein. Manchmal muss man sich aber fürs Risiko entscheiden, und dieses Mal hatte ich damit Erfolg. Die größte Auszeichnung war natürlich der Publikumspreis. Es ist normal, dass die Jury uneins ist und sich häufig über die Kandidaten und deren Beurteilung streitet. Aber dass ich das Publikum in München hinter mir wusste, war ein tolles Gefühl!“
Ein Jahr später erschien seine erste CD. Der Klavierexperte Ingo Harden lobt sie in hohen Tönen: „Fabian Müllers Debüt … braucht sich vor nichts und niemandem zu verstecken.“ Es ist erlesene Klavierkunst. Das Debüt bei Berlin Classics ist das Gegenteil von reißerisch oder spektakulär. Müller widmet sich der spröden, monologischen Klaviermusik von Johannes Brahms. Staunenswert ist die Ernsthaftigkeit und Eindringlichkeit seines Spiels. So liefert er facettenreiche, tief lotende Interpretationen ab. Das CD-Programm endet mit dem Schlaflied „Guten Abend, gut Nacht“.
Johannes Brahms schrieb mit 20 Jahren seine dritte und letzte Klaviersonate. An die Stelle dieser Großform traten dann kleine Klavierstücke. Die späten Klavierstücke op. 117 blicken auf das gesamte Schaffen zurück. In sie versenkt sich der Pianist. Der Kritiker Eduard Hanslick bezeichnete sie als „Selbstgespräche am Klavier“. Für Brahms waren sie ein „persönliches Tagebuch“. Opus 117 nannte er die „Wiege seiner Schmerzen“.
Brahms begleitet Müller schon lange. Mit vier Jahren erhielt er den ersten Klavierunterricht. Müller hat den norddeutschen Meister damals für sich entdeckt. „Brahms war für mich schon einer der zentralen Komponisten als ich anfing, Klavier zu spielen. Meine große Schwester spielte die späten Klavierstücke von ihm, und sofort wollte ich es ihr nachtun – natürlich zunächst erfolglos. Sobald ich aber die ersten Schritte am Klavier hinter mir hatte, setzte ich mich mit seinem Werk auseinander.“ Es gehe um sehr persönliche, häufig traurig-tröstende Gefühle, das Gegenteil von selbstverliebtem Narzissmus.
Brahms war ein verschlossener Mensch. Gerade in seinen Klavierstücken drückte er sich aus – und verbarg sich zugleich in ihnen. Martin Walser fand die Formel: Selbstentblößungsverbergung. Clara Schumann, die enge Freundin von Brahms, schrieb 1880: „Werden Sie es mir glauben, dass Johannes trotz unserer langen und intimen Freundschaft niemals von dem gesprochen hat, was sein Gemüt bewegte? Er ist mir noch heute so rätselhaft, ich möchte fast sagen so fremd, wie er mir vor fünfundzwanzig Jahren war.“ Die Ambivalenz Brahms´: Verschlossenheit und Bekenntnisfreudig-keit, Introvertiertheit und Aufgeschlos-senheit arbeitet Fabian Müller schön heraus. Dass er einen eigenen Zugang zu Brahms gefunden hat, verrät schon die eröffnende Ballade op. 10.
Müller stammt aus einem Pfarrhaus und hat vier ältere Geschwister. „Jeder in unserer Familie hat Musik gemacht, zum Glück keiner beruflich, es war also immer eine reine Leidenschaft. Bis heute ist Musik daher vor allem eins: eine riesige Freude.“
Fabian Müller hatte einen berühmten Pianisten an der Kölner Musikhochschule als Lehrer. „Pierre-Laurent Aimard war ein sehr wichtiger Lehrer für mich, da er einen extrem hohen Anspruch an jede Note hat.“
Jedes Stück musste genau analysiert werden, jeder Ausdruck echt gelebt. Außerdem konnte Aimard, dessen CDs bei Deutschen Grammophon erscheinen, Müllers Liebe für moderne Musik wie kein zweiter fördern. Schließlich arbeitet der Franzose mit den führenden Komponisten der letzten 50 Jahre zusammen und kann seinen Schülern so aus erster Hand deren Wünsche an den Interpreten weitergeben.
Nach dem Coup beim ARD-Wettbewerb ging es für Müller weiter bergauf: Im Frühjahr 2018 gab er sein Debüt in der New Yorker Carnegie Hall, im Herbst 2018 folgte sein Debüt-Recital in der Hamburger Elbphilharmonie. Inzwischen musiziert er mit deutschen Spitzenorchestern wie dem Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks oder dem WDR Sinfonieorchester Köln.
Ein Herzensanliegen ist ihm die Kammermusik. In seiner Heimatstadt Bonn hat er ein Festival gegründet, dessen künstlerischer Leiter er ist. „Bonner Zwischentöne“ lautet die Kammermusikreihe.
Ein Bonner Pianist muss sich natürlich auch mit der Musik des größten Bonners auseinandersetzen: mit der Ludwig van Beethovens. Müller tut das regelmäßig. Es gibt zwei Lieblingswerke, die er gerne koppelt: „Einmal die riesige, verrückte Sonate von Charles Ives, die sehr selten gespielt wird. Sie stellt eine große Herausforderung dar und außerdem ein spannendes Abenteuer. Dazu die ebenfalls monumentale Appassionata-Sonate von Beethoven, mit der ich mich seit vielen Jahren beschäftige.“ Er liebt diese Mischungen aus bekannt und unbekannt und findet es toll zu sehen, wie viele Beziehungen es zwischen zwei Werken gibt, die gleichzeitig so verschieden sind.
Müller kümmert sich auch um Musikvermittlung und das Klassikpublikum von morgen: Jedes Jahr arbeitet er beim Klavierfestival Ruhr mit über 300 Kindern zusammen, bei denen er die Liebe zur klassischen Musik wecken will. „Die Erfahrungen mit Kindern haben meiner Arbeit als Pianist einen großen Mehrwert gegeben“, erzählte er dem Fachblatt „Pianist“. In dieser Spielzeit (2022/2023) debütierte er mit der Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim.
Johannes Brahms: Vier Balladen op. 10, Acht Klavierstücke op. 76, Drei Intermezzi op. 117. Fabian Müller. Berlin Classics, 2018.
