„Diese junge Frau…ist hervorragend, und ihr alle werdet in Zukunft noch von ihr hören“, war sich der US-amerikanische Musikproduzent Quincy Jones sicher.
Von 2016 bis 2018 gehörte sie dem Bundesjazzorchester an, einer Elitetruppe, 2021 erschien ihre erste CD, „Quiet Land“, die von der Kritik sehr positiv aufgenommen wurde: Laura Kipp
Ihre zweite CD „Sunset Balcony“ wird am fünften Mai erscheinen. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir ein Interview mit der Jazz-Vokalistin.
Sie sind 1996 in Waiblingen geboren. Warum leben Sie heute in Paris?
Die Musik hat mich nach Paris getragen. Erst habe ich in Stuttgart Musik studiert und dann durch ein Jahr im Ausland die Stadt entdecken können. Die besondere Energie und Geschichte von Paris haben mich wohl bis heute nicht mehr losgelassen.
Wie haben Sie die Corona-Zeit überstanden?
Anfangs waren wir Musizierenden größtenteils sehr produktiv in der Corona-Zeit. Man war froh und manchmal fast dankbar um die „gewonnene“ Zeit, in der man sich mit Kompositionen und Musikproduktion beschäftigen konnte. Allerdings wurde den Menschen in meinem Umfeld und mir selbst klar, dass der kreative Prozess vom Zusammenspiel im Alltag und vom Publikum lebt. Deshalb ist die Motivationskurve dann schnell in den Keller gesunken und alle wollten nur noch zurück auf die Bühne. Das Musikmachen für sich selbst und ausschließlich allein mit sich selbst, hat etwas Künstliches, fast Austrocknendes.
Ich erinnere mich an einige Live-Stream Konzerte, für die wir wirklich dankbar waren, aber die auch eine fast schon unheimliche Atmosphäre hatten. Vor einem leeren Club in vier verschiedene Kameras als Publikum zu singen, ist wirklich speziell. Es beeinflusst das Zusammenspiel der Band und unseren eigenen Ausdruck auf der Bühne.
Hoffentlich bleibt es dabei, dass wir wieder vor Publikum spielen und direkt mit den Menschen in Kontakt treten können.
Wie haben Sie den Jazz entdeckt?
Das Singen hat mich zur Musik gebracht, denn in meiner Familie spielte niemand aktiv ein Instrument, und ich sang gerne Lieder seit ich klein war, zum Beispiel in Schulchören. So hat mich der Gesang dann auch zum Jazz getragen, als es an die Frage des Musikstudiums ging. Als Teenager bekam ich klassischen Gesangsunterricht, quälte mich auch durch ein paar Wettbewerbe, aber die Popularmusik blieb immer eine Herzensangelegenheit für mich. Allerdings bin ich froh, um die technische Stimmausbildung, die mir bis heute noch sehr hilft.
Wann war für Sie klar, ich werde Sängerin?
Ich glaube, dass es da keinen konkreten Moment oder ein Schlüsselereignis gab. Die Lust zu singen und aufzutreten hat mich getrieben. Ich habe mir nie bewusst die Frage gestellt, ob ich irgendwann einmal „nur singen“ möchte, denn ich habe mich immer für viele verschiedene Dinge interessiert und hätte mich auch für andere Berufe begeistern können.
Allerdings glaube ich fest daran, dass man Singen mit ganzem Herzen betreiben muss und nur aus Leidenschaft zur Musik Sängerin werden sollte. So war es bei mir und das macht es einfacher, sich mit dem besonderen Lebensrhythmus als Musikerin zu arrangieren.
Sie haben Ihre vielen Interessen erwähnt: welche waren bzw. sind das?
Vor allem Literatur, Theater und Sprachen interessierten mich. Die Psychologie reizt mich bis heute noch, und seit ein paar Monaten versuche ich mich in die Phänomenologie und philosophische Grundfragen einzulesen.
Welche anderen Berufe wären denkbar gewesen?
Ich hätte mir vorstellen können, Journalistin zu werden, egal ob für Radio oder Zeitung. Eine Weile lang habe ich auch darüber nachgedacht, Moderatorin zu werden.
Hatten Sie Vorbilder?
Die ersten Jazzsängerinnen, die ich je gehört habe, sind Ella Fitzgerald, Nina Simon und Blossom Dearie. Letztere fällt etwas aus dem Rahmen, denn sie ist unbekannter, als die anderen beiden, aber das erste Jazzalbum, das ich auswendig konnte und „rauf und runter“ gehört habe war eines von Blossom Dearie. Bis heute berührt sie mich sehr und ihr besonderer Ton, ihre minimalistisch Art zu singen, trotz fulminanten Texten und die Tatsache, dass sie selbst Klavier spielte, beeindrucken mich.
Mit Nina Simon hatte ich eine ähnliche erste „Begegnung“. Ich sah ein Video von ihr am Klavier und in Rage. Sie hämmerte auf die Tasten und sang aus vollem Leib. Das hat mich sehr geprägt und ich habe verstanden, dass Singen nur bedingt mit „Töne treffen“ zu tun hat. Es geht um die Botschaft, die authentische Emotion in einem bestimmten Moment, die in Klang verwandelt wird und so die Zuhörenden berührt.
Hören Sie auch klassische Musik?
Seit ich klein bin, liebe ich Kirchenmusik. Vor allem englische Kirchen- und Chormusik hat mich immer besonders beeindruckt. Der pure und wunderschöne Klang der Kompositionen und die altenglische Sprache gefallen mir. Auch in die Oper und in zeitgenössische Konzerte gehe ich gerne.
Im Studium haben mich dann vor allem Mahlers Symphonien und Ravel begeistert. Ich erinnere mich auch, dass ich eine Weile lang im Kammerchor der Musikhochschule sang und eines meiner Lieblingswerke das Requiem von Maurice Duruflé war. Beim Singen in Kirchen war ich immer den Tränen nahe, weil der Chorklang mich so eingenommen hat.
Sie erwähnten das Musiktheater. Haben Sie eine Lieblingsoper?
Ich mochte als Kind gerne die Klassiker: „Zauberflöte“, „Freischütz“ und „Parsifal“, aber auch Ballette wie „Schwanensee“ oder „Nussknacker“.
In Frankreich habe ich dann angefangen, mich auch für russische und französische Oper zu interessieren, habe aber bis heute keine Lieblingsoper.
Womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Freizeit?
Ich versuche in meiner Freizeit viel an die frische Luft zu gehen, zu spazieren, mit der Welt in Resonanz zu treten und besondere Momente mit lieben Menschen zu teilen.
Körperlicher Ausgleich ist mir in letzter Zeit sehr wichtig geworden, denn nach mehreren Konzerten am Stück fühlt man sich oft sehr erfüllt, aber auch körperlich erschöpft. Das ist eine Erschöpfung, die man nicht mit der nach einem langen Tag in der Uni vergleichen kann, die Erschöpfung geht tiefer, denn man hat so viel geteilt und alles gegeben.
Außerdem koche ich gerne und auch ganz gut – behauptet mein Freundeskreis. Es hat etwas Meditatives und die Wertschätzung der Franzosen für gute Nahrungsmittel hat mir schon immer gefallen.
Kommt es oft vor, dass Sie an mehreren Abenden hintereinander auftreten müssen?
Ja, das kommt öfter vor. Man versucht ja meist mit seiner Band Tourneen zu spielen, damit man mehrere Konzerte hintereinander gemeinsam bestreiten kann und sich das Zusammenkommen auch richtig lohnt. Vor allem, wenn nicht alle in der selben Stadt wohnen.
Demnächst erscheint Ihre zweite CD.
Ja, das zweite Album erscheint schon in wenigen Wochen, und ich freue mich auf viele schöne Konzerte, die bereits feststehen und bin gespannt, wie das Publikum auf die neue Musik reagieren wird. Man geht immer eine Wette ein, mit einem neuen Album, denn natürlich liebt man die Musik, die man produziert. Deshalb ist man erwartungsvoll und etwas aufgeregt zu sehen, wie die Zuhörenden neue Songs aufnehmen.
Wie sieht so eine Plattenproduktion aus?
Eine Plattenproduktion ist immer ein Auf und Ab der Gefühle, und bis man das gewünschte Endprodukt in Händen hält, ist es oft ein beschwerlicher, langer Weg. Aber ich kann es kaum erwarten, die neuen Songs und Geschichten mit den Menschen zu teilen, und bin sehr dankbar, eine wunderbare Band und ein tolles Team um mich zu haben, ohne die das alles nicht möglich wäre.