Zauber des Spiels: Murray Perahias „Französische Suiten“

Murray Perahia ist nicht nur einer der größten Pianisten unserer Zeit, er ist auch einer der sensibelsten. Seine Brahms-CD (mit den „Händel-Variationen“ als Hauptwerk) wurde hier schon vorgestellt. Gerühmt werden vor allem seine Bachinterpretationen. Die Musik des Thomaskantors hat er erst mit 15 im Konzertsaal gehört, es war eine Aufführung der „Matthäuspassion“ unter Pablo Casals in der New Yorker Carnegie Hall: „das war ein unvergessliches Erlebnis.“

Seine Aufnahme der „Goldberg-Variationen“ kann neben den legendären Einspielungen von Glenn Gould bestehen. Auch Gould wählte nicht das Cembalo, sondern den Konzertflügel für seine Bachaufnahmen. Murray Perahia studierte zwei Jahre lang das Cembalo. „Nach und nach fand ich meinen eigenen Weg, Bach auf dem Klavier zu spielen.“ Sein Anschlag ist kultiviert, sein Ton rund und schön. Perahia ist ein empfindsamer Poet am Flügel, der sich in die Musik hinein begibt und sie von innen heraus gestaltet.

Eine Suite ist eine Folge von Tänzen. Das unterstreicht Perahia mit seinem Spiel.

Für Perahia sind die „Französischen Suiten“ zarter als die „Englischen Suiten“ und die sechs Partiten. Sie sind auch eingängiger und melodiöser. Diesem unangestrengt-natürlichen Bachspiel wohnt ein Zauber inne.

Fünf der Suiten sind bereits im „Notenbüchlein für Anna Magdalena“ von 1722 enthalten, sie waren also auch als Lehrmaterial gedacht, Bach war ein großer Pädagoge.

Einige der „Französischen Suiten“ begleiten Murray Perahia seit seiner Kindheit. Die „Französischen Suiten“ „sind Bach auf höchstem Niveau“. Hier ist Perahia in seinem Element.

„Für mich ist die Stimmführung – die durch den Kontrapunkt erzeugten Harmonien – der interessanteste Aspekt dieser Musik, aber die Tanzrhythmen sind absolut essentiell, sie sind das Lebenselixier der Suiten.“

Bei der Wiederholung von Satzteilen bringt Perahia oft ausschmückende Verzierungen an, was die Lebendigkeit der Musik erhöht.

Perahia ist sich Bachs Bedeutung bewusst: „Bach hat die gesamte westliche Musikgeschichte auf verschiedenen Ebenen geprägt.“ Perahia erläutert auch, warum: „Bachs Musik ist so voller Freude, Lebendigkeit und Spiritualität, dass sie die gesamte spätere Musik beeinflusst hat und bis heute prägt.“ Selbst im Jazz spielt Bach eine Rolle.

Perahia hat eine ganz eigene, persönliche Beziehung zu Bach, nicht nur wegen der erwähnten Casals-Aufführung der „Matthäuspassion“, die er als 15jähriger erlebte.

„Es gab eine Zeit, als ich wegen einer lang anhaltenden Entzündung am Finger kein Klavier spielen konnte“, erinnert sich Perahia. „Ich musste lange Zeit ohne das Instrument leben. Aber da ich Musik liebe, musste ich mich damit beschäftigen, und Bach spendete mir Ruhe und Trost. Ich beschäftigte mich jeden Tag mit Bach, und das stärkte mich. Dafür bin ich sehr dankbar.“ Vielleicht sind Perahias Bachaufnahmen deshalb so erfüllt.

Johann Sebastian Bach: The French Suites. Murray Perahia, piano. Deutsche Grammophon, 2016

Schreiben Sie einen Kommentar