Florian Uhlig ist nicht so bekannt wie Alfred Brendel, aber er wird es eines Tages vielleicht sein. Der 47-Jährige gehört zu den interessantesten und reflektiertesten deutschen Pianisten der Gegenwart, ein hochbegabter, einfühlsamer Interpret am Flügel.
Seine Karriere begann mit einem Ausfall, der für ihn zum Glücksfall wurde: 1997 hatte der blutjunge Pianist die Gelegenheit, mit dem großen Bariton Hermann Prey ein Konzert zu gestalten, weil dessen Begleiter ausfiel. Auf dem Programm standen Schubert-Lieder und deren Solo-Paraphrasen für Klavier von Liszt und Godowsky. Florian Uhlig erinnert sich: „Der Abend war ein schöner Erfolg, und so durfte ich danach weitere Konzertprogramme mit Hermann Prey an prominenten Orten gestalten. Das hat manche weitere Tür geöffnet. Letztendlich gilt: man muss einen langen Atem haben.“
Ein wichtiges Thema der letzten Jahre war natürlich Corona. Die Coronazeit sei gerade auch für Musiker „sehr schwierig gewesen“. Der Virus habe das Konzertleben verändert. Uhlig hat die Auszeit genutzt. Als Klavierprofessor kümmerte er sich verstärkt um die Studierenden seiner Klassen an der Musikhochschule Lübeck. Und er konnte sein großes Schumann-Projekt zum Abschluss bringen. Er hielt sich deshalb viel im Studio auf.
Die Einspielung des Gesamtwerks für Klavier solo von Robert Schumann ist bis jetzt Uhligs umfangreichstes und ehrgeizigstes Projekt. Es beschäftigte ihn über zehn Jahre. Damit leistete Uhlig Pionierarbeit, denn noch nie zuvor hatte sich ein Pianist an die Aufgabe einer vollständigen Edition gewagt. Das Ergebnis ist eine Box mit 18 CDs. Zum Vergleich: Das Soloklavierwerk von Maurice Ravel, das Uhlig ebenfalls eingespielt hat, passt auf drei CDs.
Zwischen Ravel und Schumann findet Uhlig Gemeinsamkeiten, beide schreiben für Klavier, haben aber den Orchestersatz vor Augen. „ ,Pedal runter´ geht bei keinem der beiden Komponisten. Zu vielschichtig ist der Klaviersatz, zu subtil die Innenzeichnung der Mittelstimmen, zu rasch die Harmoniewechsel. Das braucht eine enorme Klarheit und Leuchtkraft.“ Uhligs Sprache besitzt diese Leuchtkraft, sein Spiel auch.
Uhlig und Schumann haben eines gemeinsam: Düsseldorf. Schumann war hier städtischer Musikdirektor, Florian Uhlig wurde in Düsseldorf geboren, im Oktober 1974.
Robert Schumann hat Uhlig viele Jahre begleitet, ein abgeschlossenes Kapitel ist er aber längst noch nicht. Der Pianist setzt dessen bahnbrechende Werke nach wie vor auf seine Konzertprogramme. „Die Freude an dieser Musik wächst.“ Einen Favoriten hat er nicht. „Es wäre nicht richtig, hier nur einige wenige Titel zu nennen. Schumanns Oeuvre zeichnet sich insgesamt durch die unglaubliche Vielfalt aus. Die Spannweite seines Genies ist ungeheuerlich.“
Auch die stilistische Bandbreite von Florian Uhlig ist enorm: Er hat relativ unbekannte Klavierkonzerte eingespielt: von Jean Francaix, Nadia Boulanger, Germaine Tailleferre, Francis Poulenc und Krzysztof Penderecki, dazu den ganzen Ravel (Klavier solo) und den ganzen Schostakowitsch (Werke für Klavier und Orchester). Er ist ein Solist mit einem Faible für Kammermusik.
Ein wichtiger Lehrer war Peter Feuchtwanger, dem Uhlig 1993 zum ersten Mal begegnete.
„Peter Feuchtwanger war ein herausragender Lehrer, dem ich sehr viel verdanke. Sein untrügliches Gespür für musikalische Stilistik und Geschmack, gepaart mit enormer Kreativität und klanglicher Differenzierung – all das sind Dinge, die ich in jungen Jahren mit ihm erfahren durfte und die ich mittlerweile – als selbst Lehrender – hoffentlich in Ansätzen an meine eigenen Studenten weitergebe.“
Klaviermusik alleine genügt ihm nicht. Er verbindet sie in Konzerten mit rezitierter Literatur. „Die Verschränkung der Genres im Konzert macht viel Freude.“ So lernte er die berühmte Schauspielerin Gudrun Landgrebe kennen. Uhlig: „Das nächste Literatur-Projekt führt mich ins Konzerthaus Wien. Dort gibt es E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“, und ich habe dazu Klavierstücke von Schumann ausgewählt.“
Uhlig hat nie an einem Klavierwettbewerb teilgenommen, sagt aber: „Wettbewerbe können sehr nützliche Starthilfen und Kontaktbörsen sein: Sie halten die Teilnehmenden an, konzentriert ein umfangreiches Repertoire auf sehr hohem Niveau vorzubereiten. In diesem Sinne ermutige ich meine Studierenden, an Wettbewerben teilzunehmen, wenn sie es wollen, auch wenn ich selbst einen etwas anderen Weg gegangen bin.“
Neben dem Klavier gibt es weitere Leidenschaften: etwa den Jazz, mit dem er sich vor allem hörenderweise beschäftigt. Und die Bücher: „Ich liebe Geschichten, das Sich-Versenken in Bücher. Mein Leben ist allerdings so ausgefüllt, dass ich nur allzu selten dazu komme.“
Auch in Zukunft wird sich Uhlig viel im Aufnahmestudio aufhalten, im Rahmen welcher Projekte, verrät er noch nicht. Streng geheim!
