Glenn Gould war einer der umstrittensten Pianisten der Musikgeschichte. Für die einen ein verrückter Exzentriker, für die anderen ein Genie an den Tasten.
2022 ist ein Gould-Jahr. Am 25. September vor 90 Jahren wurde der kanadische Pianist in Toronto geboren, vor 40 Jahren verstarb er dort. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir ein Gespräch mit dem Gouldkenner Dr. Jochen Ott, das im Januar 2009 zum ersten Mal erschienen ist.
Dr. Jochen Ott ist Internist in einem Stuttgarter Krankenhaus und häufig als Theaterarzt tätig. Er besucht Philosophievorlesungen an der Uni Stuttgart und hört sich in der Liederhalle die großen Pianisten unserer Zeit an. Die Musik ist ein wesentlicher Bestandteil seines Lebens. 1964 in Heilbronn geboren, lebt er seit 10 Jahren mit seiner Familie in Aidlingen. Wir befragten ihn zum Thema Gould.
JR: Erinnern Sie sich noch, wann Sie Ihre erste Gould-CD gekauft haben?
Ott: Ja, das war damals noch eine Schallplatte. Ich war sechzehn Jahre alt, es war die Aufnahme der letzten drei Beethoven-Sonaten, die damals meine Favoriten waren und es auch heute noch sind, was Klaviermusik angeht. Und ich erinnere mich noch daran, dass mich damals die rasenden Tempi schockiert haben.
JR: Haben Sie sich inzwischen daran gewöhnt?
Ott: Zum Teil. Ich würde nicht sagen, dass Glenn Gould immer mein Lieblingsinterpret ist. Die Tempi haben aber schon etwas für sich.
JR: Warum gerade eine Gould-CD?
Ott: Ich hatte über ihn gelesen. Damals hat man ja die Raumsonde Voyager mit Goulds Interpretation von Bachs Präludium und Fuge Nr. 1 aus dem „Wohltemperierten Klavier“ ins All geschickt, das beeindruckte mich sehr. Dann weiß ich noch, dass meine Klavierlehrerin Glenn Gould immer als Spinner bezeichnet hat, und so etwas macht ja auch neugierig.
JR: Wie viel Gould-CDs gibt es eigentlich?
Ott: Ich hab mal meine gezählt, und gehe davon aus, dass nichts Entscheidendes fehlt, ich habe 68, insgesamt gibt es vielleicht 80.
JR: Wie kommt es, dass Gould so eine riesige Gemeinde hat?
Ott: Gould hat ja mit 31 Jahren aufgehört, Konzerte zu geben, also muss sein Ruf durch seine Platten und vor allem seinen Mythos begründet sein, den Mythos vom begnadeten Exzentriker, vom einzelgängerischen Genie, das sich sicherlich auch sehr nah am Wahnsinn bewegt hat, wahrscheinlich auch in seiner für uns heute sehr modernen Art, Platten zusammenzustellen. Er hat ja in nächtlichen Sitzungen aus sehr viel verschiedenen Tapes seine Platten zusammengeschnitten.
JR: Was fasziniert Sie an Gould?
Ott: Auch die genannten Gründe. Es gibt zwei Sätze von Gould, die, wie ich glaube, ganz gut treffen, was an ihm so faszinierte. Erstens: „Man spielt Klavier nicht mit den Fingern, sondern mit dem Kopf.“ Und: „Musik ist ein geistiges und sekundär erst ein akustisches Phänomen.“ Also diese Kombination aus grandioser Klaviertechnik und Intellekt, der immer nach strukturellen Zusammenhängen sucht, hat mich immer beeindruckt. Dass er bei jedem noch so abgespielten und verbrauchten Werk etwas Neues findet, vielleicht auch hineinkomponiert. Seine Interpretationen sind bizarr und exzentrisch, aber nie langweilig. Er besitzt Humor und enttäuscht oft bewusst Hörerwartungen. Jede Gouldaufnahme ist sofort als Gouldaufnahme erkennbar.
JR: Wie würden Sie sein Spiel beschreiben?
Ott: Es ist sehr unkonventionell. Das fängt schon bei den Tempi an, die sind oft extrem schnell, zum Beispiel bei Mozart, das klingt dann oft wie eine Nähmaschine. In seiner Funktion als Dirigent wählt er dagegen extrem langsame Tempi. Als erstes fällt sein Non-Legato-Spiel auf, kein Ton verschwimmt, man hört alle Linien. Er musiziert sehr unsentimental und entromantisiert. Berühmt war er auch für sein kontrapunktisches Spiel.
JR: Es gibt viele verrückte Geschichten über Gould. Gefällt Ihnen eine besonders?
Ott: Außergewöhnlich war seine Art, schwierige Partituren zu lernen und zu üben. Es wird ja berichtet, dass er dabei mindestens ein Radio, manchmal aber auch zwei Radios mit unterschiedlichen Sendern laufen ließ, dazu noch einen Staubsauger. Dies ist ein Beispiel dafür, dass er simultan auf verschiedenen Ebenen denken und hören konnte. Es gibt viel Skurriles, zum Beispiel von seinem Klavierstuhl, der am Ende ohne Sitzfläche benutzt wurde, weil er sich daran so gewöhnt hatte.
JR: Als Reaktion auf einige Gould-Geschichten meinte ein 10jähriger Gymnasiast: „War der mal beim Arzt?“ Was sagen Sie als Fachmann dazu: Hätte er einen Arzt gebraucht?
Ott: Er hätte sicher einen Arzt gebraucht, um seine selbstzerstörerische Art in den Griff zu bekommen. Er starb ja viel zu früh mit fünfzig Jahren an einem Schlaganfall. Man hätte vielleicht Risikofaktoren erkennen und behandeln können. Dann wüssten wir jetzt, wie er die Goldberg-Variationen mit 70 Jahre gespielt hätte. Was die psychische Seite angeht: Ich glaube, dass Musik für ihn eine innere Flucht war vor der ihn bedrohenden Außenwelt und sein sicheres Gefühl für Kontrapunkte sicher auch Ausdruck von einem gespaltenen Ich. Hätte man seine Neurosen und Verschrobenheiten behandelt, wäre sicher weniger von seiner Musik übrig geblieben. Ich glaube nicht, dass er ärztliche Hilfe benötigt hätte. Ich glaube auch nicht, dass er unter seiner Situation gelitten hat.
JR: Welche CD, welches Buch würden Sie als Einstieg in Goulds Universum empfehlen?
Ott: Das ist schwierig, weil es so viel Tolles gibt. Aber um die Spannweite seines Spiels zu erleben, würde ich die beiden Versionen der Goldberg-Variationen von 1955 und 1981 nehmen. Die frühe, um zu zeigen, wie virtuos, und die spätere, um zu zeigen, wie meditativ und introspektiv er spielen konnte. Als Highlight seiner Technik das „Italienische Konzert“, wo man die Noten gar nicht so schnell lesen kann, wie sie an einem vorbeifliegen. Dann empfehle ich noch die frühen Beethoven-Sonaten. An Büchern: Es gibt Schriften von ihm selber, die spannend sind. Es gibt eine gute Biographie von Michael Stegemann, eine gute Interpretationsbeschreibung von Kevin Bazzana, und was den Mythos und die Wirkung von Glenn Gould betrifft, gibt es einen schönen Roman von Thomas Bernhard, „Der Untergeher“, den würde ich auch empfehlen, um sich dem Thema zu nähern.