Das Buch beginnt mit einer Selbstverständlichkeit: „Am Anfang ist die Stille, und Musik kommt aus der Stille.“ Damit ist schon angedeutet: Es ist ein leises Buch. Der Pianist András Schiff äußert sich nicht nur zur Musik, sondern auch zum zeitgenössischen Theater, zu seiner Biographie und zur Politik.
András Schiff zählt zu den bedeutendsten und reflektiertesten Pianisten unserer Zeit. Seine Deutung der 32 Klaviersonaten Beethovens setzte Maßstäbe. Dass er auch abseits der Bühne etwas zu sagen hat, beweist sein Buch aus dem Jahr 2017, eine sehr anregende Lektüre . Darin schildert er, warum er Beethovens Klaviersonaten, das Zentralmassiv der Klavierliteratur so lange gemieden hat.
Das Buch besteht aus zwei Teilen: Der erste ist ein Gespräch mit dem Feuilletonisten Martin Meyer über sein Leben und seine Arbeit. Im zweiten Teil sind Essays zu Musik und Politik versammelt. Obwohl er seiner ungarischen Heimat sehr verbunden ist, tritt er dort nicht mehr auf: die Politik von Viktor Orbán ist für ihn nicht tragbar. Solange Jörg Haider ein Wortführer in Österreich war, mied Schiff auch dieses Land. Er fühlt sich, Jude und Pianist, als Außenseiter.
„Große Werke sind viel größer als ihre Interpreten. Wir bemühen uns ein Leben lang, ihre Geheimnisse zu entdecken, ihre einzigartige Botschaft zu vermitteln.“ Das ist eine demütige Haltung. Schiff ist kein Schriftsteller, aber er schreibt lebendig. Etwas überflüssig ist der Brief an Robert Schumann zu seinem 200. Geburtstag. Schiff schreibt da dem bewunderten Komponisten lauter Dinge, die der schon weiß…
Dem Pianisten gelingt das Kunststück, in einem kurzen Satz vier Fremdwörter unterzubringen: „Der diatonische Ostinato-Bass ist chromatisch koloriert.“ Wer über Musik schreibt, kommt nicht ohne Fachbegriffe aus. Meist formuliert Schiff aber klar und verständlich.
Er eroberte sich erst Mozart, dann Bach und schließlich Beethoven. Vor dem Riesen Beethoven hatte der Ungar lange eine Scheu. Erst mit 40 näherte er sich dem ganzen Korpus der 32 Klaviersonaten, dem „neuen Testament der Pianisten“ . Schiff hat kein Verständnis dafür, wenn ein 20jähriger Pianist sich Beethovens letzte Sonate vornimmt. In diesem Alter ist man dieser Musik noch nicht gewachsen. Schiff ist ein eher leiser Pianist, der es versteht, gerade bei Beethoven, Tiefenschichten freizulegen.
Mit dem letzten Satz entlässt uns der große Pianist in die Stille. An dieser Stelle ist sie kein Klischee mehr.

András Schiff: Musik kommt aus der Stille. Essays. Bärenreiter/Henschel 2017.