Eine Schatztruhe mit Lipattis Musik

Sein letztes Konzert im September 1950 konnte der rumänische Pianist Dinu Lipatti nicht zu Ende bringen. Von schwerer Krankheit gezeichnet, brach er das Programm mit Chopin-Walzern ab, kehrte aber noch einmal auf die Bühne zurück. Ganz am Ende spielte er Bachs „Jesus bleibet meine Freude“, in der Bearbeitung von Myra Hess. Etwas später starb er, im Alter von 33 Jahren. 2017 wäre der große Pianist hundert geworden. Aus diesem Anlass gab das Label Profil eine Box mit 12 CDs heraus, die immer noch aktuell ist. Sie enthält alle Aufnahmen Dinu Lipattis als Klaviersolist mit und ohne Orchester, darunter sind viele unvergängliche.

„Dinu Lipatti zählt zu den fast schon mythischen Figuren des Pianisten-Universums. Sein Stern strahlte kurz, aber unfassbar intensiv.“ So beginnt der ausführliche Booklet-Text von Lothar Brand, einem der Juroren des Preises der Deutschen Schallplattenkritik. Lipatti begann mit vier Jahren Klavier zu spielen, und bald komponierte er auch. Für ihn gilt Gleiches wie für Mozart: Lipatti war ein Wunderkind, und ein Wunder ist er geblieben. Der junge isländische Pianist Vikingur Ólafsson bekannte: „Er hat mein Leben – einschließlich meines Bach-Spiels – verändert.“ Sein Klavierspiel leuchtet nicht nur ein, es leuchtet auch. Das gilt gerade für Lipattis Interpretation des a-Moll-Konzerts von Robert Schumann, eine der bezwingendsten Deutungen dieses berühmten Werks überhaupt. Mit großem Ton und passioniertem Spiel gestaltet der Solist diese Musik. Ein blühendes Orchester steht ihm zur Seite. Solist und Ensemble sind eng verwoben. Es ist eine Interpretation von großer Kraft und Schönheit. Sie wurde legendär. Dirigent ist hier Herbert von Karajan. Von ihm stammt ein berühmter, oft zitierter Satz über Lipatti: „Es war kein Klavierspiel mehr, es war Musik, losgelöst von aller Erdenschwere.“ Eine zweite Aufnahme des Schumann-Konzerts wird gekoppelt mit Mozarts C-Dur-Konzert Nr. 21. Hinreißend die ernsthafte Musizierfreude: Leichtigkeit und Eindringlichkeit des Spiels verbinden sich hier.

Gestalterische Kraft fällt auch in Chopins erstem Klavierkonzert auf, eigentlich sein zweites. Es gehört zu den attraktivsten der Romantik. Hier spielt Lipatti mit einem schimmernden Ton, sein Spiel verbindet Natürlichkeit mit Suggestivität, eine traumhafte Interpretation. Verwunderlich ist nur eines: Warum ist bei dieser Aufnahme der zweite Teil der Orchesterexposition herausgeschnitten?

Die Chopin-Walzer spielt Lipatti mit wirbelnder Virtuosität und geschmeidiger Eleganz, nobel im Ausdruck. Die frühste Aufnahme stammt aus dem Jahr 1936, schon hier fällt ein eigener Ton auf: das stürmisch virtuose Spiel ist immer kontrolliert.

Griegs großes Klavierkonzert spielt Lipatti mit Einfühlsamkeit und Leuchtkraft.

Mit Nadia Boulanger führt er die wirklich reizvollen Walzer zu vier Händen von Johannes Brahms auf. Es sind kleine Gebilde, und doch sind sie ganz große Kunst. Mit sprühenden Farben werden sie dargeboten. Brahms findet hier einen ganz eigenen Klavierklang.

Auf den CDs sind auch Kompositionen Lipattis versammelt, etwa das neoklassizistische „Concertino“. Bei Paul Dukas, Nadia Boulanger und Igor Strawinsky hatte Lipatti Komposition studiert. Reizvoll das „Concertino“:

Lipatti lässt dieses verspielte Werk funkeln, seine Skalen schimmern, das kann elektrisieren.

Eine CD ist Werken von George Enescu vorbehalten: sie enthält Sonaten für Klavier solo und für Klavier und Geige. Der rumänische Komponist war übrigens Taufpate Lipattis.

Die letzte der zwölf CDs dokumentiert das letzte Konzert am 16. September 1950. Den Chopin-Walzern, mit glänzender Klarheit gespielt, merkt man nicht an, dass ein schwer Kranker sie spielt. Am Ende steht Bachs „Jesus bleib et meine Freude“, ein kleines, kurzes Stück, für Lipatti aber ein zentrales, und so spielt er es auch. Diese Box ist eine Schatztruhe.

Erschienen ist sie bei Profil Edition Günter Hänssler.

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