Überflieger: zwei CDs des Notos Quartetts

Es war ein phantastisches Konzert im Maltesersaal von Schloss Dätzingen. An diesem Ort kann man oft hochrangiger Kammermusik begegnen (Maria Kliegel, Mandelring Quartett), aber dieser Abend war doch etwas Besonderes. Das junge Ensemble war wohl niemandem ein Begriff, es musizierte couragiert und passioniert. Für den gewaltigen Klang war der Saal fast zu klein. Man wunderte sich nur über eins: Warum gab es von diesen Überfliegern keine Tonträger? Diese Lücke ist inzwischen geschlossen.

„Hungarian Treasures“ – „Ungarische Schätze“ ist die Debüt-CD überschrieben.

Die vier Musiker sind das erste Ensemble, das das Klavierquartett von Béla Bartók (1881-1945) eingespielt hat, ein spätromantisches Werk des 17jährigen Komponisten, der später zu einem bedeutenden Vertreter der Moderne reifen sollte. Sein Klavierquartett klingt sehr Brahms- nah, es ist noch ganz 19. Jahrhundert. Vom „stile barbaro“ (aus dem Jahr 1911) ist noch nichts zu ahnen. Auch an den Bartók der Streichquartette oder Klavierkonzerte darf man nicht denken, dieser frühe Bartók ist deutlich spätromantischer. Im Booklet heißt es: „Uns war schon lange bekannt, dass das Werk existiert. Es taucht in verschiedenen Werkaufzählungen auf, die Noten waren aber unauffindbar.“ Nach aufwändigen Recherchen stießen die Vier dann doch auf eine Handschrift des Werks. Das Bartók-Finale wirkt sehr folkloristisch. Bartók erforschte ja die Volksmusik seiner Heimat. Das Notos Quartett spielt das mit überbordendem Klang. Ihm gegenübergestellt wird das Klavierquartett von Ernst von Dohnányi (1877-1960). Er und Bartók waren zeitlebens eng befreundet. Bartók studierte die Werke des vier Jahre älteren Erfolgskomponisten genau. Wie Bartók, so war auch Dohnányi 17 Jahre alt, als er sein Klavierquartett schrieb. Ausgangspunkt für Dohnanyi war Johannes Brahms.

Der ausufernde erste Satz dauert über 12 Minuten. Man hört schnell: auch dieses Werk ist der Spätromantik verpflichtet.

Das Zusammenspiel der Musiker ist von ungeheurer Präzision. Es gibt keine neutrale Note, musikantischer Glanz und Ausdrucksintensität ergänzen einander. Die Farben von Klavier und den drei Streichern glühen förmlich. Johannes Brahms erklingt nicht auf dieser CD, ist aber immer gegenwärtig.

Die zweite CD des Ensembles enthält nun tatsächlich zwei Werke von Johannes Brahms: das erste Klavierquartett und die dritte Sinfonie, letztere in einer Bearbeitung von Andreas N. Tarkmann. Arnold Schönberg hat aus dem ersten Klavierquartett von Brahms eine Sinfonie gemacht, das Notos Quartett wählt den umgekehrten Weg: in ihrem Auftrag verwandelte Tarkmann eine Sinfonie in ein Klavierquartett. Im Booklet schreibt der Arrangeur Tarkmann über die Brahms-Sinfonie: „Trotz einer meisterhaften Behandlung des Orchesterapparats in Instrumentation und klanglicher Disposition ist sie im Kern ein doch eher kammermusikalisches Werk“: Die ausgefeilte Bearbeitung fesselt die Aufmerksamkeit. Auf einmal hört man eine Fülle an Details, die einem sonst entgehen. Das Spiel der Notos Quartetts ist stürmisch und subtil zugleich. Entfesselt und doch nicht ungestüm klingt der letzte Satz des Klavierquartetts. Beide Brahmswerke klingen absolut aufregend. Die vier Musiker gehen aufs Ganze, sie sind in ihrem Element. Wer also Johannes Brahms liebt, wird an den beiden Silberscheiben des Notos Quartetts seine Freude haben.

Béla Bartók, Ernst von Dohnányi u.a.: Klavierquartette. Notos Quartett. RCA Red Seal 2017.

Johannes Brahms: Klavierquartett Nr. 1. Dritte Sinfonie. Notos Quartett, Sony 2021.

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