Das Ende des Zweifels – Tschaikowskys Fünfte

Auf der Höhe seines Erfolgs kamen Tschaikowsky Selbstzweifel: „Ich habe einige Berühmtheit erlangt, aber jede Stunde frage ich mich – wozu? Ist es der Mühe wert? Und ich antwortete mir, dass es viel besser ist, ruhig und ruhmlos zu leben.“ Tschaikowsky hatte es nicht leicht. Er litt unter seiner Homosexualität, kämpfte mit Angstzuständen, schlug sich mit Depressionen und Nervenkrisen herum. Ruhe fand Tschaikowsky in den Weiten der russischen Landschaft, die ihm gut tat und ihn anregte. Hier entstand die fünfte Sinfonie, die im November 1888 in St. Petersburg uraufgeführt wurde und seine Krise beendete. In diesem Werk, so düster es oft klingt, ist viel Liebe: Es ist eine Sinfonie großer Emotionen. Tschaikowsky scheint auch von sich zu erzählen: seinen Leiden und Leidenschaften. Das führt nicht zur Willkürlichkeit des Aufbaus, es ist ein sehr formbewusstes Werk, mit dem Tschaikowsky seine Selbstzweifel überwand. Welche Schönheiten es enthält, zeigt eine CD mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Es ist, um es gleich zu sagen, eine Referenzaufnahme, wunderbar warm und organisch, voller Liebe, aber ohne Kitsch, von einem der wichtigsten Dirigenten unserer Zeit interpretiert: Mariss Jansons. Gleich zwei Spitzenorchester leitete er als Chefdirigent: das Concertgebouw Orkest in Amsterdam und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. München reizte ihn „weil Musik hier wichtig ist, ein Teil des Lebens.“

Der dreizehnjährige Mariss (geboren 1943) kommt nach Leningrad, weil sein Vater, ein bedeutender Dirigent, ans Pult der Leningrader Philharmoniker berufen wird. Der Sohn ist von Kindheit an von Musik umgeben.

1971 gewinnt Jansons den Dirigenten-Wettbewerb der Karajan-Stiftung, im selben Jahr wird er Assistent bei den Leningrader Philharmonikern. Leningrad heißt heute wieder Petersburg, es war die Stadt Tschaikowskys, hier starb er 1893. Mit der Sprache Tschaikowskys ist Mariss Jansons vertraut. Man merkt es der Deutung an. Schon Mitte der achtziger Jahre spielte Jansons die sechs Sinfonien Tschaikowskys ein, mit dem Oslo Philharmonic Orchestra. Das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist noch renommierter.

Sentimentalität und Bombast sind Jansons Sache nicht. Jedes Detail kommt zu seinem Recht, ohne dass es sich in den Vordergrund drängt. Das Orchester spielt mit ungeheurer Präzision und großer Passion. Alles läuft auf das Finale zu. Emotionaler Glanzpunkt ist der zweite Satz mit einem schwerelosen Horn, das über allem schwebt. Die kontrollierte Leidenschaft des Musizierens verbindet alle Sätze.

Jansons war kein Egomane, nichts verabscheute er so sehr wie Arroganz, er diente ganz der Musik, für sie verausgabte er sich. 2019 verstarb er, nicht in Amsterdam oder München, sondern in St. Petersburg.

Peter I. Tschaikowsky: Symphonie Nr. 5. Francesca da Rimini. Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Mariss Jansons (Dirigent). BR KLASSIK, 2009.

2019 erschien eine Sonderausgabe.

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