Die vierte CD des Trio con Abbandono ist einem einzigen Komponisten gewidmet, im letzten Jahr hätte er seinen 100. Geburtstag gefeiert: Astor Piazzolla.
Sein Verdienst ist es, den südamerikanischen Tango erneuert zu haben. Der Tango war lange Zeit eine verrufene Musik, gespielt wurde er in Kaschemmen und Bordellen. Deshalb wollte Piazzolla damit nicht in Verbindung gebracht werden: „Es war die Unterwelt.“ Der junge Piazzolla begeisterte sich für die Musik Johann Sebastian Bachs und den Jazz, eine aparte Kombination. Dieser Vorliebe ist er treu geblieben. Wie Piazzolla zu Piazzolla wurde, ist eine berühmte Geschichte: Piazzolla ging von Argentinien nach Paris, um Kompositionsschüler der großen Nadia Boulanger zu werden. Sie sah seine Partituren durch und entdeckte Einflüsse von Ravel über Strawinsky bis Hindemith, vermisste aber eine eigene Handschrift. Sie bat um eine Tango-Kostprobe. Danach fuhr sie ihn an: „Du Idiot! Merkst Du nicht, dass dies der echte Piazzolla ist, nicht jener andere? Du kannst die gesamte andere Musik fortschmeißen!“ Boulanger habe ihn gelehrt, an sich selbst zu glauben. Diese Geschichte erzählte Piazzolla kurz vor seinem Tod im Jahr 1992 einem Journalisten.
Für das Trio con Abbandono ist Piazzolla ein zentraler Komponist, auf jeder der bisherigen CDs war er vertreten. Die vierte CD ist nun ganz dem Tango-Virtuosen gewidmet, dessen Vielfalt wird beleuchtet. Es ist harmonisch und rhythmisch anspruchsvolle Musik. „con Abbandono“ ist eine Vortragsanweisung und heißt „mit Hingabe“. Klarinette, Cello und Akkordeon treffen aufeinander. So hat man Piazzollas Tangos noch nie gehört!
Die kecke Klarinette (Beate Funk) setzt früh Akzente: agil und flexibel. So eröffnet sie Astor Piazzollas „Histoire du Tango“. Diese viersätzige Suite erzählt die Geschichte des Tangos von 1882 bis zur Gegenwart. Nach und nach verwandelt er sich, wird zunehmend komplexer und vielstimmiger. Es beginnt in den Bordellen vor der Jahrhundertwende. Zu dieser Musik möchte man sich bewegen. Der Tango aus dem „Café 1930“ ist schon nicht mehr zum Tanzen. Mit dem vierten Tango ist man in der Gegenwart angekommen, er klingt avanciert und polyphon. Der Tango ist viel mehr als nur ein Tanz. Deshalb ist er auch für Klassik-Größen wie Gidon Kremer, Daniel Barenboim oder Jan Vogler interessant.
Was der Klarinettist Giora Feidman einmal schrieb: „Ich nehme meine Klarinette zur Hand, um die Menschen an meinem Inneren teilhaben zu lassen“, kann auch die Klarinettistin Beate Funk für sich in Anspruch nehmen: Wie im Jazz kommt es darauf an, sich selbst auszudrücken. Das gilt auch für Beate Funks Mitstreiterinnen. Der Celloton (Anne-Lise Atrsaie) kommt immer wieder zum Tragen, das Akkordeon (Claudia Quakernack) steuert viele Farben bei. Der Reiz dieses Trios ist das Zusammenspiel der Klangfarben. Eigentlich müsste man für diese Musik eine neue Sprache (er)finden.
Farben spielen im zweiten Hauptwerk der CD eine wichtige Rolle „Las cuatro Estaciones Porteñas“ („Die vier Jahreszeiten von Buenos Aires“), nicht Vivaldis, sondern Piazzollas „Jahreszeiten“. Piazzolla beginnt mit einem Vivaldi-Zitat, und immer wieder wird der Tango-Fluss von Vivaldi-Themen unterbrochen. Sehr gefühlvoll klingt das zweite „Verano“ („Der Sommer“), vielgestaltig der vierte Satz „Invierno“ („Der Winter“), er beginnt wie ein Barock-Präludium, nach drei Minuten klingt er nach klirrender Kälte.
Die Solistinnen musizieren nicht unterkühlt, vielmehr verbinden sie Leidenschaft mit Temperament. Das klingt vielleicht klischeehaft, aber schließlich geht es um den Tango. Die drei Musikerinnen agieren quicklebendig und müssen keine Konkurrenz fürchten: Es gibt nur wenige Trios mit dieser Besetzung. Das Schöne an dieser Piazzolla-CD: Man kann sie immer wieder hören.
