Trifonovs Liszt-Etüden: Ein Farbenzauber

Nicht nur Alfred Brendel zählt zu seinen Bewunderern. Auch Martha Argerich, die wie Brendel zu den bedeutendsten Pianisten des 20. Jahrhunderts gehört, war von Daniil Trifonovs Spiel tief beeindruckt: „Was er mit seinen Händen tut, ist technisch unglaublich. Es ist auch sein Anschlag – er hat Zartheit und auch das dämonische Element. Ich habe niemals so etwas gehört.“

Von sich reden machte er im Jahr 2011 als er innerhalb von sechs Wochen zwei der bedeutendsten Klavierwettbewerbe gewann, erste Preise, Goldmedaillen und Publikumspreise. Er ist auch Komponist, sein erstes Klavierkonzert steht kurioserweise in es-Moll, es gibt sicher nicht viele Kompositionen in dieser abgelegenen Tonart.

Trifonov ist ein einzigartiger Künstler: Er besitzt die Musikalität von Alfred Brendel und die suggestive Kraft einer Martha Argerich. Vor einigen Jahren erschien ein Extremprogramm, das es in sich hatte: Daniil Trifonov spielte schwierigsten Liszt: die Etüden. Titel der Doppel-CD: „Transcendental“. Der Pianist muss hier an seine Grenzen gehen.

Auf zwei CDs sind 23 Etüden versammelt. An Schwierigkeit sind sie kaum zu überbieten. Sie sind anspruchsvoller als die Etüden Chopins, die Liszt sehr schätzte. Allerdings besitzen Chopins Gattungsbeiträge mehr Charme.

Alle diese „Fingerübungen“, natürlich sind sie viel mehr, sind für den Konzertsaal geschrieben. Liszt war es, der den Solo-Abend ins Konzertleben einführte. Sein Schlüsselerlebnis: Im April 1832 hörte er den „Teufelsgeiger“ Nicolò Paganini. Er war sprachlos: „Was für ein Mann, was für eine Geige, was für ein Künstler!“ Von da an war ihm klar: Ich werde der Paganini des Klaviers. „Wie besessen arbeitete Liszt an Übertragungen der spezifischen Virtuosität Paganinis auf das Klavier“, schreibt Michael Stegemann in seiner Liszt-Biographie.

Auf der ersten CD widmet sich Trifonov den 12 „Etudes D´Execution Transcendante“. Der Zyklus gehört zu den wichtigsten Werken Liszts, für Trifonov spiegelt er eine Reise wider. Im Booklet wird der russische Pianist zitiert: „Mit seinen kühnen harmonischen und strukturellen Innovationen eröffnete er [Liszt] neue Möglichkeiten für die Darstellung von emotionalen und psychologischen Befindlichkeiten in der Musik.“ Sie lotet Trifonov einfühlsam und virtuos aus. Ihm gelingen elektrisierende Deutungen. Jede Etüde erhält ein eigenes Gesicht.

„Feux Follets“ („Irrlichter“) klingen bei ihm ähnlich musikalisch wie bei Evgeny Kissin. Über technische Fragen muss man kaum sprechen. Beider Technik ist konkurrenzlos brillant, so dass sie sich ganz musikalischen Fragen widmen können. Bei „Mazeppa“ donnert Trifonov nicht einfach, sondern spielt schattierungsreich, der Flügel klingt wie ein Orchester. Liszt findet immer wieder zündende Themen, ohne sie wären die Etüden langweilig. In den „Harmonies du soir“ („Abendharmonien“) fällt die große Klangfülle auf.

Anders als Chopin gibt Liszt seinen Etüden Titel, etwa „Waldesrauschen“ oder „Gnomenreigen“.

Am Schluss und als Höhepunkt dieses Programms: Paganini, Liszts „Grandes Etudes de Paganini“. Liszt hat sich hier von Paganini-Themen inspirieren lassen.

Die „Campanella-Etüde“ erklingt zart und nuanciert. Wichtiger als alle Virtuosität ist diesem Pianisten der Farbenzauber. Das gilt auch für die vierte Paganini-Etüde, „Arpeggio“, gestochen scharf funkelt sie. Die fünfte klingt nach Domenico Scarlatti.

Finale des Zyklus: Variationen über das Paganini-Thema, von dem auch Johannes Brahms in seinen „Paganini-Variationen“ ausgeht. Das Thema ist dürr, aber Trifonov reichert es mit immer mehr Klang an. Es fächert sich in viele Stimmen auf. Das führt zu einem rauschenden Finale. Dieser junge Pianist ist so gut, dass man seine CD immer wieder anhören und interessante Details entdecken wird. Im letzten Jahr wurde Trifonov 30 Jahre alt. Er ist nicht einfach ein Pianist, sondern ein Klaviermagier.

Franz Liszt: Transcendental: Etüden. Daniil Trifonov, Klavier. Deutsche Grammophon, 2016.

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